McKinsey erprobt KI-Kunden: Was Bewerber im Gespräch zeigen sollen

Leere schwarze Bürostühle mit verchromten Armlehnen an einem hellen Konferenztisch
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Wie reagiert ein Bewerber, wenn ein Kunde mitten im Gespräch eine neue Priorität nennt? McKinsey will solche Situationen mit einer KI nachstellen. Das Wall Street Journal berichtet über einen neuen Baustein für ausgewählte Einstiegsinterviews in diesem Herbst. Der interessante Gedanke dahinter: Eine Simulation kann zeigen, wie jemand auf Rückfragen eingeht, statt nur vorbereitete Antworten vorzutragen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein KI-Avatar übernimmt in ausgewählten McKinsey-Interviews die Rolle eines Kunden. Es geht um eine begrenzte Erprobung, nicht um ein weltweit einheitliches Verfahren.
  • Nach dem Bericht von t3n dauern die Gespräche etwa zehn Minuten; Menschen beobachten und bewerten sie. Die Kundensimulation selbst vergibt keine Bewertung.
  • McKinsey beschreibt daneben einen anderen Chatbot für objektive Mindestanforderungen. Dessen KI-Auswertung wird vor einer Entscheidung menschlich geprüft.
  • KI zur Vorbereitung begrüßt das Unternehmen. Während einer Prüfung ist sie ohne ausdrückliche Erlaubnis untersagt.

Ein Rollenspiel mit einem veränderlichen Gegenüber

Ein klassisches Fallgespräch prüft, wie jemand ein Problem zerlegt und seine Überlegungen erklärt. Die neue Kundensimulation ergänzt eine andere Perspektive: Kann die Person eine Empfehlung an die Bedürfnisse ihres Gegenübers anpassen? Laut t3n richtet sich der Versuch zunächst an Studierende für Business-Analyst-Stellen in nordamerikanischen Büros. Der Originalbericht des Wall Street Journal beschreibt die Einführung für einen Teil der Berufseinsteiger im Herbst.

Das verschiebt die Beobachtung vom fertigen Argument zum Gesprächsverlauf. Eine plausible Empfehlung kann unpassend werden, wenn ein Kunde zusätzliche Einschränkungen nennt. Wer dann weiter seine vorbereitete Lösung abarbeitet, zeigt etwas anderes als jemand, der nachfragt und seine Empfehlung nachvollziehbar verändert. Die KI stellt dafür das Gegenüber bereit; die Einschätzung der Person bleibt bei Menschen.

Als redaktionelles Beispiel lässt sich eine Beratung zu einem neuen Standort denken. Zunächst steht vielleicht ein niedriger Mietpreis im Vordergrund. Im Gespräch kommt hinzu, dass die Beschäftigten den Ort mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen müssen. Eine hilfreiche Reaktion wäre, beide Ziele zusammenzuführen und den Zielkonflikt zu erklären. Dafür braucht es mehr als eine möglichst schnelle Antwort.

Ein solches Rollenspiel könnte Arbeitgebern eine zusätzliche Arbeitsprobe liefern. Ob es bessere Einstellungen ermöglicht, ist damit noch nicht belegt. Die zugänglichen Berichte nennen keinen unabhängigen Nachweis, dass die Simulation den späteren Berufserfolg zuverlässiger vorhersagt als bestehende Interviews. Für diese Frage reicht die technische Fähigkeit, ein Gespräch zu führen, nicht aus.

Warum KI-Interview nicht immer dasselbe bedeutet

McKinseys eigener Datenschutzhinweis für KI-gestützte Interviews beschreibt einen anderen Anwendungsfall: einen Chatbot, der Angaben mit vorgegebenen Mindestanforderungen abgleicht, etwa Erfahrung oder Sprachkenntnisse. Er bewertet laut Unternehmen keine Persönlichkeit oder sozialen Fähigkeiten. Seine Auswertung wird vor einer Entscheidung von Personalverantwortlichen geprüft; allein aufgrund der Bot-Ausgabe werde niemand abgelehnt.

Diese Beschreibung darf nicht als Bewertungsanleitung für den neuen KI-Kunden gelesen werden. Beim einen Verfahren sammelt und prüft Software Angaben zu einer Stelle. Beim anderen bildet sie eine Gesprächssituation ab, in der Menschen das Verhalten beobachten. Wer beides unter dem Schlagwort KI-Recruiting zusammenzieht, verwischt die entscheidende Frage: Welche Aufgabe übernimmt die Maschine tatsächlich?

Für Bewerbende wäre deshalb eine konkrete Erläuterung in der Einladung hilfreicher als ein allgemeiner KI-Hinweis. Zu klären wären etwa die Rolle des Systems, die beobachteten Fähigkeiten und die Form der anschließenden Bewertung. Auch ein von Menschen bewertetes Gespräch kann aufgezeichnet oder technisch verarbeitet werden. Welche Daten im jeweiligen Format anfallen, sollte aus den zugehörigen Informationen hervorgehen und nicht aus der Beschreibung eines anderen Verfahrens abgeleitet werden.

Vorbereitung ist erlaubt, eine verdeckte Antwortmaschine nicht

Die offizielle Karriereseite zieht eine klare Grenze: KI darf helfen, einen Lebenslauf zu überarbeiten, Begriffe zu verstehen oder Interviewfragen zu üben. Erfundenes über die eigene Erfahrung und automatisch erzeugte Echtzeitantworten während eines Interviews lehnt McKinsey ab. Die Regeln für Prüfungen verbieten KI-Nutzung grundsätzlich, sofern sie nicht ausdrücklich erlaubt wurde.

Ein sinnvoller Übungsauftrag wäre daher: Spiele einen Kunden, stelle mir nacheinander Rückfragen und verändere eine Randbedingung, nachdem ich meine Empfehlung erklärt habe. Anschließend kann man selbst prüfen, ob die Antwort auf die neue Information einging. Das ist ein Vorschlag für die Vorbereitung, keine Nachbildung eines offiziellen McKinsey-Tests und keine Garantie für dessen Bewertung.

Die veröffentlichten Integritätsregeln verlangen außerdem, installierte KI-Programme zu deaktivieren, wenn sie unabsichtlich aufzeichnen oder unterstützen könnten. Das ist inzwischen eine praktische Frage: Wie der neue Tab-Zugriff von ChatGPT in Chrome zeigt, können Assistenten bereits dort verfügbar sein, wo ein Gespräch oder eine Aufgabe stattfindet. Ein sonst nützlicher Helfer kann in einer Prüfung unerlaubte Unterstützung werden.

Für das konkrete Bewerbungsverfahren zählt deshalb die Einladung samt Erläuterung des zuständigen Recruiting-Teams. Dass eine Firma selbst eine KI einsetzt, erlaubt Bewerbenden nicht automatisch den Einsatz eigener Assistenten. Umgekehrt sollte eine ausdrücklich vorgesehene KI-Aufgabe nicht mit einem allgemeinen Hilfsmittelverbot verwechselt werden. Unklare Vorgaben lassen sich vor dem Termin klären.

Die eigentliche Neuerung ist die zusätzliche Arbeitsprobe

Die Kundensimulation eröffnet eine nachvollziehbare Möglichkeit: Kommunikation lässt sich in einer konkreten Situation beobachten, statt ausschließlich darüber zu sprechen. Der Nutzen wäre besonders dann überzeugend, wenn Bewerbende verständlich erfahren, woran ein gutes Gespräch erkannt wird. Zuhören, Nachfragen und das Erklären einer geänderten Empfehlung lassen sich wesentlich konkreter besprechen als eine pauschale Zuschreibung von Persönlichkeit.

Für die weitere Erprobung wäre entscheidend, ob verschiedene Personen vergleichbar anspruchsvolle Situationen erhalten und die menschliche Bewertung konsistent bleibt. Ein Avatar allein löst diese Aufgabe nicht. McKinseys Versuch wird daran zu messen sein, ob die zusätzliche Arbeitsprobe tatsächlich beruflich relevante Fähigkeiten sichtbar macht und den Bewerbungsprozess verständlicher gestaltet.

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