ChatGPT in Chrome: Was der neue Tab-Zugriff kann und wo er Grenzen hat

Laptop auf einem Schreibtisch mit geöffnetem Webbrowser
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ChatGPT sieht ab sofort, was im Browser offen ist. OpenAI hat seine Erweiterung für Google Chrome so umgebaut, dass der Chatbot die geöffneten Tabs lesen und auf Wunsch auch selbst darin arbeiten kann: Formulare ausfüllen, Nachrichten verschicken, Dateien herunterladen, Tabs ordnen. Damit wandert ein Teil dessen, was OpenAI mit dem eigenen KI-Browser Atlas versucht hatte, in den Browser, den die meisten ohnehin benutzen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die ChatGPT-Erweiterung für Chrome kann geöffnete Tabs einbeziehen. Gezielt angesprochen wird der Browser mit einer @-Erwähnung im Chat.
  • Im Chat-Modus liest ChatGPT nur mit und sammelt Informationen über mehrere Tabs hinweg, im Work-Modus steuert es die Tabs selbst.
  • Laut OpenAI steht die aktualisierte Erweiterung allen ChatGPT-Tarifen offen. Ob die Tab-Steuerung überall gleich funktioniert, lässt OpenAI offen.
  • Standardmäßig fragt ChatGPT vor jeder neuen Website um Erlaubnis. Seiteninhalte stuft OpenAI selbst als nicht vertrauenswürdig ein.

Was die Erweiterung jetzt kann

OpenAI hat die Neuerungen am 15. Oktober in einem Thread auf X vorgestellt. Der Kern: Die Erweiterung unterscheidet zwei Arbeitsweisen. Im Chat-Modus schaut ChatGPT über die offenen Tabs und trägt zusammen, was für eine Antwort nötig ist. Wer etwa fünf Shops mit Sofas geöffnet hat, kann die Modelle nach Maßen, Material, Lieferzeit und Rückgaberecht nebeneinanderstellen lassen, ohne jede Seite einzeln abzuklappern. Genau dieses Beispiel nennt OpenAI selbst, ebenso den Vergleich von Preisseiten verschiedener Anbieter und die Zusammenfassung langer Artikel in einfacher Sprache.

Im Work-Modus geht die Erweiterung einen Schritt weiter. Dann greift ChatGPT über Computer Use, also die Fähigkeit eines Modells, Bildschirm und Eingabe wie ein Mensch zu bedienen, aktiv in die Tabs ein. OpenAI zählt dazu das Versenden von Nachrichten, das Ausfüllen von Formularen, das Herunterladen von Dateien und das Gruppieren von Tabs. Als weitere Beispiele nennt das Unternehmen, Anbieterdaten aus mehreren Seiten in eine Tabelle zu übertragen oder Termine in einen Kalender einzutragen. Neu ist außerdem eine Seitenleiste, die den kompletten Chatverlauf neben der gerade geöffneten Seite zeigt. Sie erinnert an die Gemini-Leiste, die Google direkt in Chrome eingebaut hat.

Strategisch ist das ein Kurswechsel mit Ansage. Im Juli hatte OpenAI angekündigt, den KI-Browser Atlas nach neun Monaten einzustellen. Statt Nutzer zu einem neuen Browser zu bewegen, setzt OpenAI nun auf eine Erweiterung für den Marktführer, dessen Hersteller Google mit Gemini selbst ein konkurrierendes Angebot im selben Fenster hat.

So richtet man es ein

Die Hilfeseite von OpenAI beschreibt den Weg über die ChatGPT-Desktop-App. Dort wählt man unter Einstellungen und Computer Use den gewünschten Browser aus und installiert über den angezeigten Knopf die Erweiterung aus dem jeweiligen Store. Erscheint danach in den Einstellungen der Eintrag „Manage“, ist die Verbindung hergestellt. Anschließend startet man einen Work- oder Codex-Chat und erwähnt den Browser mit dem @-Zeichen. Wichtig ist, dass man dabei das Browserprofil nutzt, in dem die Erweiterung installiert ist.

Unterstützt werden laut Dokumentation nicht nur Chrome, sondern auch Edge, Brave, Opera und Vivaldi. Die Seitenleiste, bei OpenAI „Side Chat“ genannt, fehlt allerdings in Opera. Auf dem Mac öffnet sie sich mit Cmd+Shift+Punkt. Wer Dateien hochladen lassen will, muss der Erweiterung in Chrome zusätzlich den Zugriff auf Datei-URLs erlauben. Die Verfügbarkeit kann laut OpenAI je nach Rollout und Workspace-Einstellungen variieren, Firmenkunden sollten also zuerst bei ihrer IT nachfragen.

Für wen lohnt sich das? Am meisten für Menschen, die regelmäßig vergleichen, recherchieren oder Daten von einer Seite in die nächste tragen: Angebote prüfen, Reisedaten zusammenstellen, Rechercheergebnisse in eine Tabelle sortieren. Der Chat-Modus ist dabei die risikoarme Einstiegsvariante, weil er nur liest. Den Work-Modus sollte man anfangs mit klaren Grenzen formulieren, etwa so, wie OpenAI es selbst vormacht: ein Formular ausfüllen und vor dem Absenden anhalten.

Berechtigungen und Grenzen

Ein Browser-Agent ist nur so vertrauenswürdig wie die Seiten, die er liest. OpenAI baut deshalb eine Abfrage pro Website ein: Bevor ChatGPT mit einer neuen Domain interagiert, fragt es nach. Zur Wahl stehen „Allow once“, „Allow for this site“, „Allow for all sites“ und „Decline“, also einmal erlauben, für diese Seite erlauben, für alle Seiten erlauben oder ablehnen. Die Freigabe für alle Seiten kennzeichnet OpenAI selbst als erhöhtes Risiko. Für den Browserverlauf gibt es gar keine Dauerfreigabe, hier fragt ChatGPT jedes Mal neu. Erlaubte und gesperrte Seiten lassen sich in den Einstellungen verwalten.

Bemerkenswert offen ist die Dokumentation an einer anderen Stelle. Seiteninhalte, markierter Text und Video-Transkripte gelten dort ausdrücklich als nicht vertrauenswürdig. Irreführende oder bösartige Inhalte könnten das Risiko erhöhen, dass Daten an Stellen kopiert werden, für die sie nicht bestimmt waren. Gemeint ist das Problem der Prompt Injection: versteckte Anweisungen auf einer Webseite, die ein KI-Agent für einen Auftrag des Nutzers hält. Wie gut OpenAI solche Angriffe abfängt, hat das Unternehmen für die Erweiterung nicht beziffert. Zum Vergleich: Anthropic nannte beim Start von Claude for Chrome im August 2025 eine Erfolgsquote von 23,6 Prozent für Angriffe in internen Tests ohne Schutzmaßnahmen und 11,2 Prozent mit ihnen.

Auch beim Umfang der Rechte lohnt ein Blick. Die Erweiterung fordert weitreichende Browserberechtigungen an, darunter Debugger-Zugriff, das Lesen und Ändern von Daten auf allen Websites, Verlauf, Lesezeichen und Downloads. Ein separates, vollständiges Protokoll aller Browseraktionen speichert OpenAI nach eigener Angabe nicht. Gespeichert wird, was Teil des Chats wird, also gelesener Text, Screenshots, Werkzeugaufrufe oder Zusammenfassungen. Passwörter und andere sensible Daten sollen Nutzer laut OpenAI nicht über Browseraufgaben laufen lassen.

Ausblick: Der Browser wird zum Arbeitsplatz des Agenten

Mit dem Update verschiebt sich die Frage, wo KI-Agenten arbeiten. Nicht in einem Spezialbrowser, den kaum jemand installiert, sondern in der Umgebung, in der Menschen ohnehin angemeldet sind, mit ihren Konten, Tabs und Lesezeichen. Das macht die Erweiterung sofort nützlich, denn der Agent findet vor, was der Nutzer gerade vor sich hat. Es macht sie aber auch heikler als einen isolierten Testbrowser, weil jede freigegebene Seite eine echte, eingeloggte Sitzung ist. Die sinnvolle Arbeitsteilung ergibt sich daraus fast von selbst: lesen und vergleichen großzügig, handeln seitenweise freigeben. Spannend wird, wie Google reagiert. Der Konzern kontrolliert den Browser, in dem OpenAI jetzt arbeitet, und hat mit Gemini in Chrome den direkteren Draht zum Nutzer.

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