
Zwei Jahre lang warnten die Chefs der größten KI-Labore vor einer Welle der Arbeitsplatzvernichtung. Jetzt rudern beide öffentlich zurück: OpenAI-Chef Sam Altman schrieb am 11. Juli 2026 auf X, künstliche Intelligenz habe bislang unterm Strich eher Jobs geschaffen als vernichtet – „das habe ich nicht erwartet“. Auch Anthropic-Chef Dario Amodei beschreibt Automatisierung inzwischen eher als Produktivitätsmultiplikator denn als Jobkiller. Für Leser, die sich fragen, ob ihr Beruf sicher ist, lohnt ein Blick hinter die Kehrtwende – denn die Datenlage ist deutlich widersprüchlicher, als die neuen Aussagen der beiden CEOs vermuten lassen.
Das Wichtigste in Kürze
- Sam Altman erklärte am 11. Juli 2026 auf X, KI sei bislang „net job-creating“ gewesen – eine deutliche Abkehr von seinen früheren Warnungen vor dem Wegfall ganzer Berufsgruppen.
- Dario Amodei, der noch 2025 einen Abbau von 50 Prozent der Einstiegsjobs im Bürobereich und eine Arbeitslosigkeit von bis zu 20 Prozent vorhergesagt hatte, äußert sich inzwischen ähnlich zurückhaltend.
- Die Kurskorrektur fällt zeitlich mit den Vorbereitungen beider Unternehmen auf Börsengänge mit Bewertungen von je rund einer Billion Dollar zusammen.
- Goldman Sachs beziffert die laufenden KI-bedingten Jobverluste in den USA weiterhin auf etwa 11.000 pro Monat – nach zuvor rund 16.000 monatlich.
- Eine Stanford-Studie zeigt einen 13 Prozent relativen Beschäftigungsrückgang bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen, während die Beschäftigung erfahrener Fachkräfte stabil bleibt oder wächst.
Die Warnungen von gestern
Amodeis frühere Prognosen zählten zu den drastischsten der Branche: In einem viel zitierten Interview 2025 sagte der Anthropic-Chef voraus, KI könne binnen fünf Jahren die Hälfte aller Einstiegsjobs im Bürobereich auslöschen und die Arbeitslosenquote auf bis zu 20 Prozent treiben – Kanzleien, Banken, Beratungen und Softwareentwicklung seien am stärksten betroffen. Auch Altman hatte wiederholt erklärt, Arbeitsplätze würden durch den technologischen Fortschritt „definitiv verschwinden“, und vor dem Verlust ganzer Berufsgruppen gewarnt. Diese Aussagen prägten zwei Jahre lang die öffentliche Debatte über KI und Arbeit – und lieferten Kritikern wie Befürwortern gleichermaßen Munition.
Die Kehrtwende und ihr Timing
Nun also die Relativierung: Altman schreibt, er sei „deutlich weniger pessimistisch als andere“ gewesen, hätte aber bei diesem Fähigkeitsniveau der Modelle dennoch mehr Auswirkungen erwartet. Nach eigener Aussage geht er inzwischen wieder selbst einen Teil seiner Slack- und E-Mail-Nachrichten durch, statt sie komplett der KI zu überlassen. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Entwarnung: Sowohl OpenAI als auch Anthropic bereiten Börsengänge mit geschätzten Bewertungen von je rund einer Billion Dollar vor, wie OpenAIs Verhandlungen über eine Beteiligung der US-Regierung zeigen. Goldman-Sachs-Chef David Solomon verweist in diesem Zusammenhang auf historische Präzedenzfälle: Die USA hätten eine lange Erfolgsgeschichte darin, neue Jobs zu schaffen. Der Ökonom Torsten Slok erinnert zudem an das Jevons-Paradoxon: Sinkende Kosten pro KI-Interaktion bedeuten nicht automatisch weniger Interaktionen insgesamt – im Gegenteil, günstigere KI könnte zu mehr Einsatz und damit indirekt zu mehr statt weniger Arbeit führen.
Was die Zahlen wirklich zeigen
Die verfügbaren Daten zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild als der neue Optimismus der CEOs. Das Yale Budget Lab fand bislang keine signifikanten strukturellen Veränderungen im US-Arbeitsmarkt seit dem Start von ChatGPT. Gleichzeitig beziffert Goldman Sachs die laufenden KI-bedingten Stellenverluste auf rund 11.000 pro Monat – ein Rückgang gegenüber der früheren Schätzung von 16.000, der aber teilweise durch neue Jobs im Rechenzentrumsbau kompensiert wird, ohne dass diese den Verlust von Einstiegspositionen bei jungen Beschäftigten ausgleichen. Genau hier setzt die Stanford-Studie um Erik Brynjolfsson an: Sie misst einen 13 Prozent relativen Beschäftigungsrückgang bei 22- bis 25-Jährigen in Berufen mit hoher KI-Exposition, während ältere, erfahrenere Kolleginnen und Kollegen in denselben Berufsfeldern stabil beschäftigt bleiben oder sogar zulegen. Die MIT-NANDA-Initiative wiederum untersuchte 300 Unternehmenseinführungen von KI-Systemen und fand, dass nur etwa 5 Prozent der Pilotprojekte schnelle Umsatzgewinne erzielten – ein Hinweis darauf, dass viele Firmen mit der praktischen Umsetzung noch kämpfen, was massive, kurzfristige Entlassungswellen unwahrscheinlicher macht.
Einordnung
Weder die alte Apokalypse-Erzählung noch die neue Entwarnung halten der genaueren Betrachtung ganz stand. Was tatsächlich passiert, ist selektiver: Berufseinsteiger in bestimmten, stark KI-exponierten Feldern verlieren messbar an Boden, während erfahrene Fachkräfte und der Arbeitsmarkt insgesamt bislang stabil bleiben. Dass ausgerechnet die beiden CEOs, deren Unternehmen kurz vor milliardenschweren Börsengängen stehen, ihre düstersten Prognosen just jetzt relativieren, verdient mindestens eine skeptische Nachfrage – Optimismus verkauft sich bei Investoren besser als Weltuntergangsszenarien. Für Berufseinsteiger und Unternehmen heißt das: Die Lage ist weder Grund zur Panik noch zur Entwarnung, sondern verlangt einen Blick auf die eigene Branche und Karrierestufe statt auf griffige CEO-Zitate.
