
Als die Aktie von Unitree Robotics am 19. August in Shanghai erstmals gehandelt wurde, schoss der Kurs zeitweise um 629 Prozent nach oben und schloss noch immer 460 Prozent über dem Ausgabepreis. Der Hangzhou-Hersteller humanoider Roboter und Robotdogs sammelte damit rund 6,1 Milliarden Yuan (etwa 900 Millionen US-Dollar) ein und erreichte eine Bewertung von rund 50 Milliarden US-Dollar. Was wie der Beweis für eine reife, profitable Roboterindustrie aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Geschäftsmodell, das zu einem erheblichen Teil von staatlich geförderter Nachfrage lebt, die sich selbst finanziert.
Das Wichtigste in Kürze
- Unitree sammelte beim Börsengang an der Shanghaier STAR-Börse rund 6,1 Milliarden Yuan ein, der Kurs schloss 460 Prozent über dem Ausgabepreis.
- Die Bewertung liegt bei rund 50 Milliarden US-Dollar, einzelne Berechnungen kamen sogar auf bis zu 66 Milliarden Dollar.
- Fast drei Viertel des Umsatzes mit humanoiden Robotern stammten in den ersten neun Monaten 2025 aus Bildung und Forschung, nicht aus kommerziellem Einsatz.
- Über 90 staatlich unterstützte Trainingszentren kaufen Roboter und verkaufen die dabei gesammelten Bewegungsdaten an Hersteller wie Unitree zurück, Daten für einen fünfminütigen Robotertanz kosten bis zu 148.000 US-Dollar.
- Analysten der Bank HSBC warnen, der aktuelle Nachfrageboom bei Roboter-Auslieferungen könnte „illusorisch“ sein und ohne echten Fortschritt bei den KI-Modellen der Roboter nicht durchhalten.
Ein Geschäftsmodell, das sich selbst füttert
Das Muster, das Analysten inzwischen als Chinas „KI-Zirkelgeschäft“ beschreiben, funktioniert in drei Schritten: Lokale Regierungen und staatlich unterstützte Institutionen finanzieren Trainingszentren für humanoide Roboter. Diese Zentren kaufen bei Herstellern wie Unitree Maschinen im großen Stil ein, offiziell für Forschung und Ausbildung. Die Roboter sammeln dort in ihrem Testbetrieb Bewegungs- und Sensordaten, die anschließend an genau jene Hersteller zurückverkauft werden, die die Maschinen gebaut haben. Ein Branchenanalyst beschrieb das Ergebnis gegenüber der Financial Times so, dass die Grenze zwischen unabhängiger Marktnachfrage und einer Nachfrage, die innerhalb eines politisch gestützten Ökosystems künstlich erzeugt wird, zunehmend verschwimme.
Für Unitree ist dieses Ökosystem geschäftsentscheidend: In den ersten neun Monaten 2025 kamen fast drei Viertel des Umsatzes mit humanoiden Robotern aus Bildung und Forschung, nicht aus dem freien Markt. Bis Juni 2026 zählte die Branche mehr als 90 solcher Trainingszentren in China. Wie lukrativ das Datengeschäft dabei sein kann, zeigt eine Zahl aus der Recherche: Trainingsdaten für einen fünfminütigen Robotertanz können bis zu einer Million Yuan, umgerechnet rund 148.000 US-Dollar, kosten.
Was die Börsenzahlen wirklich zeigen
Der Börsengang selbst war ein spektakulärer Erfolg nach klassischen Finanzkennzahlen: Die Zeichnung war um mehr als das 8000-fache überzeichnet, der Kurs verdreifachte sich am ersten Handelstag zeitweise. Doch das aktuelle Umsatzvielfache von Unitree liegt bei etwa dem 35,89-fachen des Jahresumsatzes, während vergleichbare Wettbewerber in der Regel mit rund dem 20-fachen bewertet werden. Diese Diskrepanz nährt Zweifel daran, ob der Markt hier tatsächliches Geschäft oder vor allem die Erwartung künftiger Gewinne einpreist, wie es für Börsengänge in Zukunftsbranchen nicht unüblich ist, hier aber besonders ausgeprägt erscheint.
Auch die Qualität der teuer eingekauften Trainingsdaten wird intern infrage gestellt. Eine Managerin eines der Trainingszentren erklärte, von acht Stunden gesammelter Trainingszeit seien oft nur zwei bis drei Stunden tatsächlich verwertbar. Ein erheblicher Teil des Geldes, das durch den staatlich gestützten Kreislauf fließt, erzeugt demnach Daten von fraglichem Nutzen für die eigentliche KI-Entwicklung der Roboter.
Zweifel der Analysten
Die Bank HSBC äußerte sich in einem Bericht von Mitte Juli ungewöhnlich deutlich zur gesamten Branche: Der Anstieg bei den Roboter-Auslieferungen könnte „illusorisch“ sein, schrieben die Analysten. Ohne eine signifikante Verbesserung der KI-Modelle, die die Roboter steuern, sei der aktuelle Nachfrageboom in den kommenden ein bis zwei Jahren wohl nicht durchzuhalten. Diese Einschätzung trifft den Kern des Problems: Die heutige Nachfrage speist sich weniger aus Robotern, die im Alltag tatsächlich nützliche Arbeit verrichten, als aus einem Bildungs- und Forschungssektor, der über staatliche Förderprogramme mit Kaufkraft ausgestattet wird.
Einordnung
Für Unitree selbst ändert das kurzfristig wenig: Das Unternehmen gilt als profitabel, und die frischen Milliarden aus dem Börsengang sichern Spielraum für Forschung an genau jenen KI-Modellen, deren Fehlen HSBC bemängelt. Für Anleger und für die Einordnung von Chinas Robotik-Boom insgesamt ist die Geschichte aber eine Warnung: Wenn ein erheblicher Teil der gemeldeten Nachfrage aus einem Kreislauf stammt, an dessen Anfang und Ende dieselben wenigen Akteure stehen, sagt ein Rekordumsatz wenig darüber aus, ob humanoide Roboter tatsächlich schon bereit für den breiten kommerziellen Einsatz sind. Ähnliche Sorgen um zirkuläre Finanzierungsstrukturen prägen bereits die Debatte, ob die gesamte KI-Branche in einer Bewertungsblase steckt, nur dass in Unitrees Fall der Staat selbst als Nachfragemotor auftritt. Ob sich daraus eine tragfähige Industrie oder ein teures politisches Prestigeprojekt entwickelt, wird sich erst zeigen, wenn die Trainingszentren irgendwann Roboter kaufen müssen, die tatsächlich etwas können, und nicht nur, weil ein Förderprogramm es verlangt.
