Nvidia kappt Risiko, Anthropic wächst: Was das für die KI-Blase bedeutet

Abstrakte Darstellung von Finanzmärkten und Investitionen im KI-Sektor
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In derselben Woche passieren zwei scheinbar widersprüchliche Dinge: Nvidia halbiert seine Finanzierungsgarantie für OpenAIs geplantes Riesenrechenzentrum in Ohio, weil Investoren dem Chiphersteller zu viel Risiko in den Büchern vorwerfen. Gleichzeitig meldet Anthropic einen Umsatzsprung, der das eigene Vorquartal fast verdreifacht, und bereitet einen Börsengang mit einer Bewertung nahe einer Billion Dollar vor. Beide Meldungen befeuern dieselbe Debatte: Steckt die KI-Branche in einer Blase, oder ist das Wachstum echt? Ein genauerer Blick zeigt, dass beide Antworten etwas für sich haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nvidia hat seine Finanzierungsgarantie für OpenAIs geplantes Rechenzentrum in Ohio laut Wall Street Journal von 250 auf rund 120 Milliarden Dollar halbiert, aus Sorge der eigenen Investoren über die Risikokonzentration.
  • Die reduzierte Garantie deckt nur die erste Bauphase mit 5 der insgesamt geplanten 10 Gigawatt ab, für den Rest verhandelt OpenAI separat mit SoftBanks Tochter SB Energy.
  • Parallel meldete Anthropic einen Umsatzsprung von 4,73 Milliarden Dollar im ersten auf mehr als 11,5 Milliarden Dollar im zweiten Quartal 2026.
  • Anthropic bereitet für Ende September oder Anfang Oktober einen Börsengang vor, Investoren diskutieren Bewertungen zwischen rund 965 Milliarden und 2 Billionen Dollar.
  • Kritiker rechnen vor: Bei 2 Billionen Dollar Bewertung müsste Anthropic jährliche Nettogewinne von 59 bis 79 Milliarden Dollar erzielen, um gängige Nasdaq-100-Maßstäbe zu erfüllen, aktuell ist das Unternehmen kaum profitabel.

Warum Nvidia sein eigenes Risiko reduziert

Ursprünglich wollte Nvidia OpenAIs Mammutprojekt in Ohio mit bis zu 250 Milliarden Dollar absichern, ein zentraler Baustein der geplanten 10-Gigawatt-Rechenzentrumsanlage der SoftBank-Tochter SB Energy. Dem Wall Street Journal zufolge hat Nvidia diese Zusage nun auf knapp 120 Milliarden Dollar gekürzt und deckt damit nur noch die erste, etwa 5 Gigawatt große Bauphase ab. Für den Rest verhandelt OpenAI eigenständig einen Mietvertrag. Die Nvidia-Aktie reagierte mit einem Kursrückgang von rund 5 Prozent. Einordnen lässt sich der Schritt auf zwei Arten: als vorsichtiges Signal, dass selbst der größte KI-Profiteur seine Bilanzrisiken nicht länger auf ein einzelnes Projekt konzentrieren will, oder schlicht als übliche Restrukturierung eines Milliardendeals, bei dem inzwischen ein breiteres Konsortium aus Finanzinvestoren wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR einspringt. Beide Lesarten schließen sich nicht aus, doch dass ausgerechnet Investoren Nvidia zur Vorsicht drängten, ist ein Datenpunkt, den KI-Blasen-Skeptiker gerne zitieren.

Anthropics Gegenbeweis: Wachstum, das nach echtem Bedarf aussieht

Während Nvidia vorsichtiger wird, liefert Anthropic Zahlen, die für echten Marktbedarf statt reiner Erwartungshaltung sprechen. Der Umsatz stieg von 4,73 Milliarden Dollar im ersten auf mehr als 11,5 Milliarden Dollar im zweiten Quartal 2026, ein Sprung von rund 140 Prozent binnen drei Monaten. Anthropic selbst rechnet für 2028 mit einem Jahresumsatz zwischen 190 und 200 Milliarden Dollar. Auf Basis dieser Dynamik bereitet das Unternehmen für Ende September oder Anfang Oktober einen Börsengang vor. Während eine im Mai 2026 kursierende Bewertung noch bei etwa 965 Milliarden Dollar lag, kalkulieren manche Investoren inzwischen mit bis zu 2 Billionen Dollar. Dieses Wachstumstempo ist selbst für die ohnehin schnelllebige KI-Branche außergewöhnlich und lässt sich nur schwer allein mit Spekulation erklären, dahinter steckt zahlender Kundenbedarf für Claude-Modelle in Unternehmenssoftware, Programmierwerkzeugen und, wie ein aktueller Beitrag über Anthropics Sicherheitsforschung zeigt, zunehmend auch in technisch anspruchsvollen Forschungsfeldern.

Die Rechnung, die die Bewertung rechtfertigen muss

Genau hier setzt die Kritik an. Bei einer Bewertung von 2 Billionen Dollar müsste Anthropic nach gängigen Nasdaq-100-Maßstäben jährliche Nettogewinne zwischen 59 und 79 Milliarden Dollar erwirtschaften. Davon ist das Unternehmen weit entfernt, im zweiten Quartal 2026 wurde erstmals ein operativer Gewinn erwartet, doch operativer Gewinn ist nicht dasselbe wie Nettoeinkommen: Steuern und Schuldzinsen können die Bilanz noch deutlich belasten. Der Finanzanalyst Avery Marquez von Renaissance Capital ordnet die drohende Profitabilität immerhin als Signal ein, das die hohe Bewertung „vielleicht nicht mehr ganz so verrückt erscheinen lässt“. Bezeichnend ist auch der häufig gezogene Vergleich mit Amazon, das rund 77,7 Milliarden Dollar Nettoeinkommen erzielt, wobei ein erheblicher Teil von Amazons jüngstem Quartalsgewinn ausgerechnet aus der eigenen Investition in Anthropic stammt. Ein Zirkelschluss, der die Debatte nicht einfacher macht, wie er zeigt, wie eng Bewertungen großer Cloud-Konzerne und ihrer KI-Beteiligungen inzwischen miteinander verflochten sind. Investor Evan Schlossman von Neostellar Capital verweist stattdessen auf die weltweit knappe Rechenkapazität als eigentlichen Werttreiber: Solange Nachfrage nach Compute das Angebot übersteigt, könnten sowohl Anthropic als auch OpenAI parallel bestehen, ohne dass ihre Bewertungen sich gegenseitig ausschließen.

Blase oder nicht: eine Frage der Zeitachse

Die beiden Nachrichten dieser Woche widersprechen sich am Ende weniger, als es zunächst scheint. Nvidia diversifiziert sein Risiko, ohne aus dem KI-Ausbau auszusteigen, das Unternehmen bleibt mit einem Milliardenengagement weiter tief in OpenAIs Infrastruktur verwoben. Anthropics Umsatzwachstum ist real und ungewöhnlich stark, beweist aber noch nicht, dass die diskutierten Billionen-Bewertungen tragfähig sind. Wer auf ein einziges klares Signal für oder gegen eine KI-Blase wartet, wird also wohl noch etwas warten müssen. Realistischer ist ein Markt, der sich selbst korrigiert, während er weiterwächst: Kapitalgeber verteilen Risiken breiter, Analysten rechnen Bewertungen strenger nach, und einzelne Unternehmen wie Anthropic müssen ihr Wachstum nun tatsächlich in Gewinne übersetzen. Für Beobachter lohnt sich in den kommenden Monaten weniger die Frage „Blase, ja oder nein“, sondern der Blick auf genau diese Kennzahl: Wandelt sich Anthropics Umsatzexplosion tatsächlich in nachhaltige Profitabilität, oder bleibt sie ein weiteres beeindruckendes, aber unrentables Kapitel der KI-Goldgräberzeit.

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