
Anthropic hat Ende Juli 2026 eine annualisierte Umsatzrate von mehr als 65 Milliarden Dollar erreicht, wie Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtet. Das ist eine Versiebenfachung gegenüber Ende 2025, als das Unternehmen noch bei rund 9 Milliarden Dollar lag. Parallel dazu hat Anthropic einem Bericht der Financial Times zufolge vertraulich die Unterlagen für einen Börsengang eingereicht, der bereits im Herbst 2026 stattfinden könnte, noch vor dem lange erwarteten Debüt von OpenAI.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropics annualisierte Umsatzrate stieg von rund 9 Milliarden Dollar Ende 2025 auf über 65 Milliarden Dollar Ende Juli 2026.
- Zwischenstationen: 47 Milliarden Dollar im Mai, 65 Milliarden Dollar zwei Monate später. Das Tempo beschleunigt sich statt sich abzuflachen.
- Ein vertraulicher Börsenantrag liegt vor, ein Wall-Street-Debüt im Herbst 2026 gilt als wahrscheinlich, möglicherweise vor OpenAI.
- Investoren bringen eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar ins Gespräch, nach zuletzt 965 Milliarden Dollar bei der Finanzierungsrunde im Mai.
- Anthropics Management erwartet für 2026 einen Jahresumsatz zwischen 100 und 120 Milliarden Dollar, langfristig 190 bis 200 Milliarden Dollar bis 2028.
Vom API-Anbieter zum Wall-Street-Kandidaten
Wie kabel-salat.info bereits im Juli berichtete, als die Umsatzrate binnen fünf Monaten auf 47 Milliarden Dollar sprang, war das Wachstumstempo damals schon ungewöhnlich. Dass sich die Rate innerhalb von nur zwei weiteren Monaten um 18 Milliarden Dollar erhöht hat, zeigt: Es handelt sich nicht um einen Einmaleffekt, sondern um eine anhaltende Beschleunigung. Zum Vergleich: OpenAI verdoppelte seinen Umsatz im selben Zeitraum von 20 auf 40 Milliarden Dollar, aus Investorensicht ebenfalls ein starkes Wachstum, das gegen Anthropics Tempo aber verblasst.
Getrieben wird der Sprung vor allem vom Unternehmensgeschäft. Claude ist über die vergangenen Monate zum bevorzugten Modell vieler Firmenkunden für Programmier-Agenten geworden, allen voran über Claude Code und die API-Integrationen großer Softwarehäuser. Anders als das Consumer-Geschäft von OpenAI, das stark auf ChatGPT-Abonnements setzt, verdient Anthropic überproportional an Entwicklerteams und Großkunden, die für zuverlässige Codequalität und lange Kontextfenster zahlen, nicht an Werbung oder Massenabonnements.
Der Wettlauf an die Börse
Sowohl Anthropic als auch OpenAI haben inzwischen vertrauliche IPO-Anträge eingereicht, ein Verfahren, bei dem die US-Börsenaufsicht SEC Finanzunterlagen zunächst nichtöffentlich prüft, bevor ein Unternehmen den Börsengang offiziell ankündigt. Dass Anthropic hier offenbar schneller vorankommt, ist bemerkenswert, weil OpenAI lange als der wahrscheinlichere erste Kandidat für ein KI-Börsendebüt galt. Berichten zufolge hat OpenAI seinen eigenen Börsengang inzwischen auf das kommende Jahr verschoben.
Zur Einordnung der Größenordnung griff heise online zu einem plastischen Vergleich: Bei einer Bewertung von zwei Billionen Dollar würde Anthropic SpaceX, aktuell das wertvollste privat gehaltene Unternehmen der Welt, deutlich hinter sich lassen, und das nur wenige Jahre nach der Gründung. Für die bestehenden Investoren, darunter Amazon und Google, die beide bereits zweistellige Milliardensummen in Anthropic gesteckt haben, wäre ein Börsengang zu dieser Bewertung ein außergewöhnlicher Wertzuwachs auf dem Papier, vorausgesetzt, der Markt trägt die Erwartungen mit.
Die im Raum stehende Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar würde Anthropic in eine Liga mit den größten börsennotierten Technologiekonzernen katapultieren und, wie kabel-salat.info erst vor wenigen Tagen im Kontext der KI-Blasen-Debatte einordnete, den Kapitalmarkt vor eine ungewöhnliche Frage stellen: ob ein Unternehmen mit derart jungen Umsatzströmen und enormen Infrastrukturkosten eine derart hohe Bewertung tragen kann, ohne dass die Erwartungen kippen. Genau dieser Kontrast zwischen kometenhaftem Umsatzwachstum und den parallel wachsenden Milliardenverpflichtungen für Rechenzentren und Chips prägt derzeit die gesamte Branche.
Was die Zahlen tragen, und was nicht
Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass annualisierte Umsatzraten Momentaufnahmen sind: Sie rechnen den Umsatz eines einzelnen Monats einfach auf zwölf Monate hoch und sagen nichts über Profitabilität aus. Anthropic investiert weiterhin massiv in Rechenkapazität, Cloud-Partnerschaften und Sicherheitsforschung, Kosten, die in der reinen Umsatzrate nicht auftauchen. Dennoch werten Investoren das Tempo als starkes Signal, gerade weil es sich über mehrere Monate hinweg nicht abgeschwächt, sondern beschleunigt hat.
Ausblick
Sollte der Börsengang wie erwartet im Herbst 2026 stattfinden, wäre er der bisher größte Test dafür, ob die Finanzmärkte das aktuelle KI-Wachstumstempo für nachhaltig halten. Für Anthropic wäre ein erfolgreiches Debüt vor OpenAI ein symbolischer wie finanzieller Erfolg zugleich. Für die Branche insgesamt liefert die nächste Zwischenbilanz, ob die Umsatzrate bis Jahresende tatsächlich in Richtung 100 bis 120 Milliarden Dollar wächst, einen der aussagekräftigsten Gradmesser dafür, wie tragfähig das derzeitige KI-Investitionstempo wirklich ist und wie lange sich das Wachstumstempo noch durchhalten lässt, ohne dass die hohen Erwartungen der Investoren enttäuscht werden.
