
Anthropic will an die Börse, und der Prospekt für den Gang an die Nasdaq ist in Teilen bekannt geworden. Reuters und die Financial Times konnten das noch unveröffentlichte Dokument einsehen. Es zeigt ein Unternehmen, dessen Umsatz sich binnen eines Jahres verzwölffacht hat, das aber zugleich Hunderte Milliarden Dollar für Rechenleistung eingeplant hat – und das seinen künftigen Aktionären ungewöhnlich ausführlich erklärt, wie gefährlich sein eigenes Produkt werden könnte. Für alle, die Claude nutzen oder den KI-Markt verstehen wollen, ist der Prospekt die bislang genaueste Innenansicht eines der großen Modellanbieter.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropic setzte 2025 knapp 4,6 Milliarden Dollar um, zwölfmal so viel wie im Vorjahr, und machte über 8 Milliarden Dollar operativen Verlust.
- Allein im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz laut Financial Times bei 11,5 Milliarden Dollar; bereinigt ist Anthropic auf dem Weg zum zweiten operativ profitablen Quartal in Folge.
- Für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur plant das Unternehmen in den kommenden Jahren Ausgaben von 518 Milliarden Dollar.
- Rund 80 der 261 Seiten beschreiben Risiken, darunter Modelle, die sich einer Abschaltung widersetzen oder Informationen verschleiern könnten.
- Angestrebt wird eine Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar; Ziel ist ein Börsenstart im Oktober.
Wachstum, das kaum ein Softwareunternehmen kennt
Die Zahlen, über die Reuters zuerst berichtete, beschreiben eine Firma im Ausnahmezustand. Knapp 4,6 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2025 standen Betriebsausgaben von fast 13 Milliarden Dollar gegenüber. Mehr als die Hälfte davon, 7,33 Milliarden Dollar, floss in Rechenleistung und Infrastruktur, dreimal so viel wie 2024. Der operative Verlust lag bei mehr als 8 Milliarden Dollar.
Der Nettoverlust wirkt mit rund 42 Milliarden Dollar noch dramatischer, ist aber zum größten Teil eine Buchungsgröße. Knapp 34 Milliarden Dollar davon entfallen auf eine Neubewertung von Finanzierungsinstrumenten, die später in Aktien umgewandelt werden können. Deren geschätzter Wert ist gestiegen, und diese Differenz muss verbucht werden – Geld ist dabei nicht abgeflossen. Ende 2025 hielt das Unternehmen 20,28 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und kurzfristigen Anlagen.
Aufschlussreicher als das Vorjahr ist das laufende Jahr. Nach Angaben der Financial Times erzielte Anthropic im zweiten Quartal 2026 allein 11,5 Milliarden Dollar Umsatz, also in drei Monaten deutlich mehr als im gesamten Jahr 2025. Auf bereinigter Basis steuert das Unternehmen auf das zweite operativ profitable Quartal in Folge zu. „Bereinigt“ heißt dabei, dass bestimmte Kostenposten herausgerechnet werden; eine Aussage über den Gewinn nach allen Kosten ist das noch nicht.
518 Milliarden Dollar für Rechenleistung
Die größte Zahl im Prospekt betrifft die Zukunft: 518 Milliarden Dollar will Anthropic in den kommenden Jahren für Cloud-Dienste, Rechenkapazität und Infrastruktur ausgeben. Einen Teil davon hat das Unternehmen in diesem Jahr bereits über Verträge mit Google, SpaceX und Nscale gebunden, wie TechCrunch berichtet. Auch der jüngste Einkauf bei Akamai gehört in dieses Bild: Agenten brauchen nicht nur Grafikchips, sondern auch klassische Prozessoren.
Zum Vergleich: Die Summe entspricht mehr als dem Hundertfachen des Vorjahresumsatzes und etwa dem 25-Fachen der Barreserven von Ende 2025. Solche Zusagen lassen sich nur einlösen, wenn der Umsatz im heutigen Tempo weiterwächst und Kapitalmärkte das Unternehmen weiter finanzieren – genau dafür ist der Börsengang da. Das Muster kennt man von OpenAI, dessen Milliardenrechnung für den Rechenzentrumsausbau wir kürzlich eingeordnet haben. Der Unterschied: Bei Anthropic stammen die Zahlen jetzt erstmals aus einem offiziellen Dokument für Anleger.
Ein zweites Risiko steht ebenfalls im Prospekt. Fast ein Viertel des Umsatzes 2025 kam von nur zwei Kunden, deren Namen nicht bekannt sind. Viele der größten Kunden sind nicht langfristig gebunden und könnten ihre Ausgaben kürzen oder beenden. Für ein Unternehmen, das Hunderte Milliarden an festen Verpflichtungen eingeht, ist diese Abhängigkeit eine der wichtigsten Kennziffern.
Ein Drittel des Prospekts für Risiken
Ungewöhnlich ist der Umfang der Risikohinweise. Rund 80 der 261 Seiten widmen sich möglichen Gefahren, für die Beschreibung des eigentlichen Geschäfts braucht Anthropic nur 48 Seiten. Der Prospekt warnt, dass KI-Modelle „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ darstellen könnten. Er benennt Verhaltensweisen, die Modelle bereits gezeigt haben oder zeigen könnten: Versuche, sich einer Abschaltung zu widersetzen, Informationen zu verschleiern oder zu manipulieren, sowie Handlungen, die einer Erpressung ähneln.
Eine Passage betrifft direkt die Frage, wie belastbar Sicherheitstests überhaupt sind. Wenn ein Modell erkennt, dass es geprüft wird, sei das eine „erhebliche Einschränkung“ für die Bewertung seiner Sicherheit. Dasselbe Problem nennt das britische AI Security Institute in seinen aktuellen Tests zu OpenAIs GPT-6 Astra.
Man kann das zynisch lesen oder nüchtern. Nüchtern betrachtet dienen Risikohinweise in US-Prospekten auch der rechtlichen Absicherung: Wer Gefahren vorab benennt, ist gegenüber späteren Anlegerklagen besser geschützt. Zugleich passt die Offenheit zur öffentlichen Linie von Anthropic-Chef Dario Amodei, der in diesem Monat wiederholt gefordert hat, das Tempo an der Spitze der KI-Entwicklung zu drosseln. Kritiker wie Mistral-Chef Arthur Mensch halten diese Debatte dagegen für ein Mittel, kleinere Konkurrenten mit Auflagen auszubremsen. Der Prospekt liefert beiden Seiten Material.
Was der Börsengang für Claude-Nutzer bedeutet
Für Unternehmen und Entwickler, die Claude einsetzen, sind drei Punkte relevant. Erstens zeichnet der Prospekt ein stabileres Bild, als der Nettoverlust vermuten lässt: Ein Quartalsumsatz von 11,5 Milliarden Dollar und Reserven von gut 20 Milliarden Dollar Ende 2025 sprechen gegen einen Anbieter, dem kurzfristig das Geld ausgeht, auch wenn die Abhängigkeit von zwei Großkunden ein offener Punkt bleibt. Zweitens rückt mit dem bereinigten Quartalsgewinn eine Phase näher, in der Investoren auf Marge statt auf Wachstum um jeden Preis schauen – Preissenkungen sind damit nicht ausgeschlossen, aber weniger selbstverständlich, wie schon die Preispolitik bei Claude Sonnet 5.5 andeutet. Drittens muss ein börsennotiertes Anthropic regelmäßig Zahlen und Risiken veröffentlichen. Wer seine Abläufe auf einen Anbieter stützt, bekommt damit deutlich mehr Einblick als bisher.
Ausblick: Der Prospekt muss bald öffentlich werden
Noch ist das Dokument nicht öffentlich, Anthropic wollte sich gegenüber Reuters nicht äußern. Nach US-Regeln muss der Prospekt mindestens 15 Tage vor Beginn der Investoren-Roadshow veröffentlicht werden; angepeilt ist ein Börsenstart an der Nasdaq im Oktober, begleitet von Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan. Die angestrebte Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar wäre mehr als doppelt so hoch wie die 965 Milliarden Dollar aus der Finanzierungsrunde im Mai. OpenAI hat laut Reuters bereits im Juni vertraulich einen Börsengang beantragt und dürfte bis Anfang 2027 folgen. Damit werden die großen Modellanbieter erstmals an der Börse vergleichbar – und die öffentliche Fassung des Prospekts zeigt, ob die bisher bekannten Zahlen vollständig sind.
Quellen
- TechCrunch: Anthropic's prospectus details losses, growth, and a warning that its AI could end humanity
- Quartz: Anthropic's IPO prospectus reveals 12-fold revenue surge and an $8 billion operating loss
- Quartz: Anthropic devotes a third of IPO prospectus to catastrophic AI risks
- Euronews: Anthropic prévient dans son IPO que l'IA représente un risque existentiel
- Quartz: Mistral's CEO is calling the U.S. AI safety debate a cover for rivals' negligence

