
Anthropic verpflichtet sich, über sieben Jahre 11,6 Milliarden Dollar für Cloud-Dienste von Akamai auszugeben. Das Bemerkenswerte daran ist weniger die Summe als das, was eingekauft wird: keine Grafikchips für das Training neuer Modelle, sondern Rechenleistung für klassische Prozessoren. Der Vertrag zeigt, wohin sich die Infrastruktur verschiebt, seit KI-Modelle nicht mehr nur antworten, sondern als Agenten selbst Code ausführen, Webseiten öffnen und Werkzeuge bedienen.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropic sagt Akamai 11,6 Milliarden Dollar über sieben Jahre zu, erweiterbar um bis zu 9 Milliarden auf rund 20 Milliarden Dollar.
- Laut Akamai geht es um Anthropics stark wachsenden Bedarf an CPU-Rechenleistung, also an klassischen Prozessoren statt Grafikchips.
- Im Gegenzug erhält Anthropic einen Optionsschein auf bis zu rund 5 Prozent der Akamai-Aktien zum Preis von 111,33 Dollar je Aktie.
- Akamai investiert dafür rund 5,5 Milliarden Dollar, nennenswerte Umsätze erwartet der Konzern erst ab der zweiten Jahreshälfte 2027.
- Der Deal passt in eine Branchenentwicklung: KI-Agenten verlagern Arbeit von der GPU auf die CPU, Server-Prozessoren sind bereits knapp.
Was im Vertrag steht
Akamai hat die Vereinbarung am 24. September in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC bekannt gemacht. Anthropic verpflichtet sich darin zu Cloud-Ausgaben von 11,6 Milliarden Dollar über sieben Jahre. Die Partner können den Umfang um bis zu weitere 9 Milliarden Dollar ausbauen, das Gesamtvolumen läge dann bei etwa 20 Milliarden. Es ist der größte Auftrag in Akamais Firmengeschichte und mehr als das Sechsfache jener 1,8 Milliarden Dollar, über die Bloomberg im Mai als ersten Vertrag beider Firmen berichtet hatte.
Ungewöhnlich ist die Gegenleistung. Akamai gibt Anthropic einen Optionsschein, also das Recht, später Aktien zu einem festgelegten Preis zu kaufen: umgerechnet rund 7,7 Millionen Aktien oder bis zu etwa 5 Prozent des Unternehmens, zu 111,33 Dollar je Stück. Rund 2 Prozent sind an die jetzt vereinbarten 11,6 Milliarden geknüpft, jeder weitere Einkauf von 3 Milliarden Dollar schaltet etwa ein weiteres Prozent frei. Nach Angaben von TechCrunch unter Berufung auf Bloomberg koppelt Akamai zum ersten Mal einen Cloud-Vertrag an eine solche Beteiligung. Das Muster kennt die Branche von AMD, das OpenAI im vergangenen Jahr ähnlich an sich gebunden hat.
Der Vertrag ist allerdings kein Blankoscheck. Laut der SEC-Meldung hängt die Zusage daran, dass Akamai Liefer- und Verfügbarkeitszusagen einhält, beide Seiten können unter bestimmten Bedingungen kündigen. Akamai rechnet mit Investitionen von rund 5,5 Milliarden Dollar, davon etwa 1,7 Milliarden zusätzlich noch in diesem Jahr, um knappe Bauteile wie Arbeitsspeicher vorab zu sichern. Einen Hardware-Liefervertrag mit Lenovo hat Akamai dafür bereits am 23. September geschlossen. Umsatz fließt 2026 noch nicht; für 2027 erwartet Akamai 150 bis 300 Millionen Dollar, bis Ende 2028 einen Jahreslauf von rund 1,7 Milliarden. Die Börse reagierte deutlich: Die Aktie stieg nachbörslich um bis zu 17 Prozent, andere Berichte nennen mehr als 20 Prozent.
Warum Agenten Prozessoren statt Grafikchips brauchen
Wofür Anthropic die Rechenleistung konkret nutzen will, sagen weder Akamai noch Anthropic. Die Pressemitteilung spricht nur von Anthropics „schnell wachsendem Bedarf an CPU-Workloads“. Der Branchenkontext macht die Richtung aber ziemlich klar. Ein Sprachmodell selbst läuft auf Grafikchips, doch alles, was ein Agent drumherum tut, erledigen klassische Prozessoren: Code in einer abgeschotteten Umgebung ausführen, eine Webseite laden, Dateien durchsuchen, eine Programmierschnittstelle aufrufen und das Ergebnis zurück an das Modell geben.
AMD-Manager Madhu Rangarajan sagte dem Fachmagazin IEEE Spectrum im August, in realistischen Agenten-Abläufen liefen nach eigenen Tests sieben von acht Arbeitsschritten vollständig auf der CPU. Das Marktforschungsunternehmen TrendForce beziffert das heutige Verhältnis von Prozessoren zu Grafikchips in KI-Rechenzentren auf etwa 1:4 bis 1:8 und erwartet bei Agenten-Einsätzen eine Verschiebung auf 1:1 bis 1:2. Der Chipdesigner Arm rechnet laut TrendForce damit, dass sich der Bedarf von rund 30 Millionen CPU-Kernen pro Gigawatt Rechenzentrumsleistung auf 120 Millionen vervierfacht.
Der Markt spürt das bereits. Intel hat nach Angaben von IEEE Spectrum seine Server-Prozessoren mindestens bis Jahresende ausverkauft, AMD hat seine Prognose für Server-CPUs verdoppelt. Für Anthropic, dessen Programmierwerkzeug Claude Code und dessen Agentenfunktionen stark auf solche Werkzeugaufrufe setzen, ist ein eigener, langfristig gesicherter CPU-Pool deshalb mehr als eine Randnotiz. Akamai bringt dafür ein weltweit verteiltes Netz mit Tausenden Standorten mit, das ursprünglich für die schnelle Auslieferung von Webinhalten gebaut wurde.
Teil einer beispiellosen Einkaufstour
Der Akamai-Vertrag ist nur ein Baustein. Nach Recherchen von The Information hat Anthropic seit Oktober 2025 innerhalb von elf Monaten Rechenzentrumsverträge über bis zu 517 Milliarden Dollar abgeschlossen und sich damit mindestens 14,8 Gigawatt Leistung gesichert. Allein im August kam ein Vertrag über 45 Milliarden Dollar mit dem Cloud-Anbieter Nscale hinzu. Wie groß solche Summen sind, lässt sich an den Einnahmen ablesen: Bloomberg bezifferte Anthropics hochgerechneten Jahresumsatz zuletzt auf mehr als 65 Milliarden Dollar.
Das Risiko dieser Strategie hat Anthropic-Chef Dario Amodei Anfang 2026 in einem Podcast selbst beschrieben. Wer heute Rechenleistung für eine Billion Dollar kaufe, die Ende 2027 bereitsteht, und dann nur 800 Milliarden Dollar Umsatz mache, gehe pleite, und zwar ohne jede Absicherung, die das verhindern könne. Einige Wettbewerber verstünden die Risiken nicht, die sie eingingen. Die jetzigen Verträge klingen vor diesem Hintergrund widersprüchlich. Sie sind aber anders gebaut als ein einzelner Riesenkauf: Der Akamai-Deal ist gestaffelt, an Lieferbedingungen geknüpft und nur zu einem Teil fest zugesagt. Wie schon bei OpenAIs 278-Milliarden-Rechnung gilt: Die Schlagzeilensummen sind Obergrenzen über viele Jahre, keine Überweisungen von heute.
Pikant bleibt das Timing. Erst vor wenigen Wochen hat Anthropic die Branche öffentlich zu einem gemäßigteren Tempo an der Leistungsgrenze aufgerufen, wie wir in unserem Stück über das neue Sicherheits-Pacing beschrieben haben. Gleichzeitig sichert sich das Unternehmen eine der größten Rechenreserven der Branche. Ein Widerspruch ist das nur auf den ersten Blick: Langsamer neue Spitzenmodelle zu trainieren und gleichzeitig mehr Kapazität für den Betrieb der vorhandenen Modelle aufzubauen, schließt sich nicht aus.
Was der Deal über die nächste Phase verrät
Die interessanteste Lehre aus dem Vertrag betrifft nicht Anthropic, sondern die Frage, wo künftig Engpässe entstehen. Solange KI vor allem Text erzeugte, hing alles an Nvidias Grafikchips. Sobald Agenten Aufgaben selbstständig abarbeiten, stundenlang Code testen und parallel im Netz recherchieren, wird die unscheinbare CPU zum Flaschenhals. Davon profitieren Anbieter, die bisher kaum jemand zu den KI-Firmen zählte, wie eben Akamai.
Für Nutzer von Claude und anderen Agenten ist das eine gute Nachricht mit Verzögerung: Mehr gesicherte Prozessorleistung heißt auf Sicht weniger Wartezeiten und großzügigere Nutzungsgrenzen bei rechenintensiven Agentenaufgaben. Kurzfristig ändert sich nichts: Akamai rechnet erst ab der zweiten Jahreshälfte 2027 mit Umsätzen aus dem Vertrag, entsprechend dürfte die Kapazität erst dann bereitstehen. Ob Anthropic die zugesagten Milliarden am Ende wirklich abruft, hängt an einer einzigen Größe: ob die Nachfrage nach Agenten so schnell wächst, wie das Unternehmen es für seine Einkaufstour unterstellt.
Quellen
- Akamai (SEC Form 8-K, Exhibit 99.1): Pressemitteilung zum Anthropic-Vertrag
- TechCrunch: Anthropic to pay Akamai $11.6 billion over seven years in cloud deal
- Quartz/Yahoo Finance: Akamai signs $11.6 billion cloud services deal with Anthropic
- The Decoder: Anthropic schließt Cloud-Deal über 11,6 Milliarden Dollar mit Akamai ab
- The Decoder: Anthropic reportedly signs $517 billion in compute deals
- The Decoder: Dario Amodei über die Risiken großer Compute-Käufe
- IEEE Spectrum: The CPU Comeback Is Upon Us
- TrendForce: How Agentic AI Is Reshaping the CPU:GPU Ratio

