Wie ChatGPT Kenias Ghostwriter-Industrie in zwei Jahren zerlegte

Eine Hand schreibt mit Kugelschreiber in ein liniertes Notizbuch
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In Nairobi ist in den vergangenen zwei Jahren ein ganzer Wirtschaftszweig weggebrochen, der Zehntausende ernährt hat: das Schreiben von Hausarbeiten, Essays und Abschlussarbeiten für Studierende an Universitäten in den USA und Großbritannien. Eine Reportage der New York Times vom 5. September zeichnet nach, wie ChatGPT das Geschäftsmodell fast vollständig ausradiert hat. Der Fall ist unbequem, weil das Gewerbe auf Betrug beruhte. Und er ist lehrreich, weil er einer der ersten benannten Arbeitsmärkte ist, den generative KI sichtbar zusammenfallen ließ.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auf dem Höhepunkt arbeiteten in Nairobi mindestens 40.000 Menschen als akademische Ghostwriter für ausländische Studierende.
  • Nach dem Start von ChatGPT 2022 brachen Aufträge und Preise ein; überlebende Autoren verdienen statt 900 bis 1.200 nur noch 500 bis 800 Dollar im Monat.
  • Ein Anbieter mit 100 Beschäftigten hat dichtgemacht; auch angrenzende Aufgaben wie Transkription und Datenannotation schrumpften.
  • Der Oxford-Forscher Mark Graham erwartet ähnliche Brüche überall dort, wo sich die Arbeit stark verschiebt.
  • Das Gewerbe war illegale Auftragsarbeit: Manche Studierende gaben ihre Uni-Zugangsdaten heraus, damit die Ghostwriter direkt im Lernsystem abgaben.

Eine Industrie, die es offiziell nicht gab

Kenia hat eine junge, gut englischsprachige Bevölkerung und seit 2016 eine Regierung, die Online-Gig-Arbeit gezielt gefördert hat. Rund 80 Prozent der Beschäftigung im Land sind informell. In dieser Gemengelage entstand ein Markt, auf dem kenianische Autoren gegen Bezahlung die Studienleistungen westlicher Studierender erbrachten, oft ganze Semester lang und teils mit den Login-Daten der Auftraggeber. Für die Universitäten war das Betrug, für Tausende Kenianer ein solides Einkommen. Auf dem Höhepunkt sollen allein in Nairobi mindestens 40.000 Menschen davon gelebt haben, mit neuen Autos, aktuellen Smartphones und reservierten Tischen im Club.

Der Fall Bundi

Die New York Times erzählt die Geschichte entlang von Teresios Bundi, 34, der 2011 nach Nairobi zog, um Public Health zu studieren. Nebenher schrieb er Arbeiten in Ingenieurwesen, Medizin und Informatik, in zwölf Jahren mehr als 2.500 Stück, an manchen Tagen drei. Pro Arbeit nahm er vor ChatGPT 40 bis 70 Dollar. Unterm Strich verdiente er damit rund fünfmal so viel wie mit einer Stelle im Gesundheitswesen, für das er ausgebildet war. Heute ist sein Geschäft geschlossen. Bundi arbeitet inzwischen für eine deutsche Entwicklungsorganisation und hilft jungen Kenianern, in genau der digitalen Wirtschaft Fuß zu fassen, die ihn früher ernährt hat.

Was ChatGPT verändert hat

Der Bruch kam schnell. Nach dem Start von ChatGPT Ende 2022 stellten die Auftraggeber laut Times eine simple Rechnung auf: Warum einen Freelancer in Kenia bezahlen, wenn ein kostenloser Chatbot dieselbe Arbeit in Sekunden liefert. Die Aufträge brachen ein, die Preise fielen. Wer im Geschäft blieb, verdient heute 500 bis 800 Dollar im Monat statt früher 900 bis 1.200. Ein Betreiber, der 100 Autoren beschäftigte, hat geschlossen. Betroffen sind nicht nur Essays. Auch Transkriptionen, Sitzungsprotokolle, Datenannotation und Moderationsarbeit, mit denen sich dieselben Leute über Wasser hielten, sind seltener und schlechter bezahlt. Weil fast alle diese Tätigkeiten informell liefen, ohne Vertrag, Versicherung oder Kündigungsschutz, gibt es für die Betroffenen kein Auffangnetz und keine Statistik, die ihren Wegfall erfasst.

Warum der Fall über Kenia hinausweist

Der Oxford-Internetforscher Mark Graham ordnet den Vorgang als Vorboten ein: Solche Verwerfungen würden nicht auf Kenia beschränkt bleiben, sondern überall auftreten, wo sich Arbeit stark verschiebt. Das ist die eigentliche Bedeutung der Reportage. Bisher liefen die meisten Belege für den Arbeitsmarkteffekt von KI auf ein vorsichtiges Ergebnis hinaus, wie auch die Auswertung, wonach KI im Job bislang Aufgaben verschiebt, aber kaum ganze Berufe streicht. Kenias Ghostwriter sind ein Gegenbeispiel mit Zahlen: ein klar umrissenes, gezähltes Gewerbe, das binnen zwei Jahren fast vollständig verschwand.

Die Parallele auf der anderen Seite der Wertschöpfung liefert OpenAI selbst. Während in Nairobi das Schreiben gegen Bezahlung zusammenbrach, meldet der Konzern intern 3,1 KI-Arbeitstage pro menschlichem Arbeitstag in der eigenen Forschung. Dieselbe Technik, die Wissensarbeit beschleunigt, entzieht anderswo die Existenzgrundlage.

Fazit

Man muss die kenianische Ghostwriter-Branche nicht verklären, um aus ihrem Ende etwas zu lernen. Der Markt war moralisch fragwürdig und rechtlich heikel, aber er war real, benannt und gezählt. Genau deshalb taugt er als Frühindikator: Wenn eine Tätigkeit vor allem aus Text besteht, klar abgegrenzt ist und über das Internet vergeben wird, ist sie durch ein Sprachmodell ersetzbar, sobald dessen Ergebnis gut genug und billiger ist. Für die betroffenen Kenianer ist das bereits Gegenwart. Für viele Bürojobs im Westen ist es eine Frage, die dieselbe simple Rechnung stellt.

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