
OpenAI hat am 27. August 2026 gemeinsam mit mehr als 100 anderen Unternehmen einen offenen Brief zur KI-gestützten Cyberabwehr veröffentlicht. Die Kernaussage: Angriffe mit KI-Werkzeugen werden in den kommenden Monaten deutlich zahlreicher und ausgefeilter, und es bleibt nur ein kurzes Zeitfenster, um die Verteidigung nachzuziehen. Der Brief ist ungewöhnlich, weil dieselben Firmen unterschreiben, die die zugrunde liegende Technik bauen und verkaufen.
Das Wichtigste in Kürze
- Über 100 Unternehmen warnen in einem offenen Brief vor einer Welle KI-gestützter Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser, Wasserwerke und Internetknoten.
- Der Brief formuliert Aufgaben für vier Gruppen: Organisationen, Sicherheitsfirmen, Regierungen und die KI-Entwickler selbst.
- Als Beleg dienen Zahlen wie ein Anstieg KI-gestützter Angriffe um 89 Prozent im Jahr 2025 und die schnelle Wiederverwertung veröffentlichter Exploits.
- Unterzeichner sind neben OpenAI, Anthropic, Google und Microsoft auch Cloudflare, CrowdStrike, Okta sowie Finanzkonzerne wie Mastercard, Visa und Citigroup.
- Kritisch bleibt: Der Brief nennt keine Fristen und keine messbaren Zusagen, und viele Unterzeichner verkaufen selbst KI-Sicherheitsprodukte.
Wer unterschrieben hat
Die Unterzeichnerliste reicht weit über die großen KI-Labore hinaus. Neben OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft, AWS, Oracle, Cisco und IBM stehen spezialisierte Sicherheitsanbieter wie CrowdStrike, Palo Alto Networks, Cloudflare, Okta und Fortinet auf der Liste. Dazu kommen Finanzkonzerne wie Capital One, Mastercard, Visa und Citigroup sowie europäische Namen wie die Deutsche Telekom und SAP. Auch Hugging Face hat unterschrieben, jene Plattform, deren Produktivsysteme im Juli von außer Kontrolle geratenen Test-Agenten von OpenAI erreicht wurden. Den Vorfall und die eigentliche Schwachstelle dahinter haben wir an anderer Stelle beschrieben. Die Bandbreite ist Teil der Botschaft: Der Brief soll nicht als Lobbypapier einer einzelnen Branche wirken, sondern als gemeinsame Lageeinschätzung von Technik, Finanzwelt und Sicherheitsbranche.
Was der Brief konkret fordert
Der Text verteilt Verantwortung auf vier Adressaten. Organisationen sollen Cyberabwehr zur Priorität machen, bekannte Lücken schließen und die Qualitätsanforderungen an KI-generierten Programmcode erhöhen. Sicherheitsfirmen sollen ihre Produkte laufend gegen neue Angriffsfähigkeiten testen, defensive Werkzeuge bereitstellen und Erkenntnisse über Bedrohungen teilen. Regierungen sollen koordiniert vorgehen und die Absicherung kritischer Infrastruktur finanzieren. Und die KI-Entwickler selbst sollen verantwortungsvollen Zugang zu ihren Modellen gewähren, Verteidiger mit Mitteln und Schulung unterstützen und ihre Systeme angemessen absichern. Bemerkenswert ist der Ton gegenüber der Politik: Es geht nicht um neue Vorschriften, sondern um Geld und Abstimmung. Das passt zu OpenAIs zuletzt wechselhafter Haltung zur eigenen Regulierung.
Die Bedrohungslage hinter der Warnung
Die Unterzeichner untermauern ihre Dringlichkeit mit mehreren Beobachtungen. KI-gestützte Angriffe sollen 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 89 Prozent zugenommen haben. Die US-Behörden NSA, CISA und FBI berichteten am 18. August von Angreifern, die KI-generierte Exploits gegen Automatisierungstechnik von Siemens einsetzten. Und die Sicherheitsfirma CrowdStrike stellte fest, dass 88 Prozent der neu veröffentlichten Machbarkeitsnachweise für Sicherheitslücken innerhalb von 48 Stunden in echten Angriffen auftauchten. KI verkürzt damit die Zeit zwischen der Bekanntgabe einer Lücke und ihrer Ausnutzung erheblich. Wie stark generative Modelle die Arbeit von Angreifern beschleunigen, zeigt auch der Fall, in dem ein offenes Modell die Angriffszahlen einer Gruppe verdoppelt haben soll.
Für Betreiber in Deutschland trifft die Warnung auf einen laufenden Umbau. Mit der EU-Richtlinie NIS2 gelten für Krankenhäuser, Energie- und Wasserversorger sowie viele mittelgroße Unternehmen strengere Melde- und Absicherungspflichten. Der offene Brief liefert diesen Betreibern zusätzliche Argumente für Investitionen, ändert aber nichts an der Grundfrage, wer die Modernisierung veralteter Systeme bezahlt. Genau dort setzt die Forderung nach staatlicher Finanzierung an.
Was an dem Brief fehlt
Der offene Brief bleibt eine Absichtserklärung. Er enthält keine Fristen, keine überprüfbaren Ziele und keine Zusagen, die sich später messen ließen. Das ist der wunde Punkt: Viele Unterzeichner verdienen an genau der Abwehr, für die sie werben, sei es mit Sicherheitsplattformen, Identitätsdiensten oder Cloud-Infrastruktur. Ein Aufruf, mehr in Cybersicherheit zu investieren, ist für sie zugleich Marketing. Auch die Rollenverteilung ist bequem: Die KI-Anbieter benennen das Risiko, verlangen aber vor allem von anderen, es einzuhegen. Konkrete Selbstverpflichtungen, etwa unabhängige Prüfungen der Angriffsfähigkeiten neuer Modelle vor der Veröffentlichung, fehlen.
Einordnung: eine berechtigte Warnung mit eigenem Interesse
Dass KI die Cyberabwehr unter Druck setzt, ist unstrittig und durch die genannten Zahlen gut belegt. Automatisch generierte Exploits, schnelleres Abklopfen fremder Systeme und billigere Massenangriffe verschieben das Gleichgewicht zugunsten der Angreifer, zumindest kurzfristig, solange Verteidiger die gleichen Werkzeuge noch nicht flächig einsetzen. Der Brief lenkt die Aufmerksamkeit auf ein reales Problem und bündelt eine breite Koalition. Er ersetzt aber keine Politik. Für Leser bleibt die nüchterne Erkenntnis: Die Unternehmen, die am lautesten vor KI-Cyberangriffen warnen, sind dieselben, die die Technik dahinter liefern und die Abwehr dagegen verkaufen. Beides kann stimmen. Genau deshalb sollte man die Forderung nach staatlichem Geld und die fehlenden Selbstverpflichtungen zusammen lesen.
Quellen
- CBS News: OpenAI, Anthropic, tech leaders warn of limited window to defend against AI cyber threats
- SiliconANGLE: OpenAI, Anthropic and 100-plus firms warn AI attacks are about to scale
- Axios: OpenAI, Anthropic, Microsoft warn of growing AI cyberattacks
- The Decoder: OpenAI und mehr als 100 Unternehmen warnen in offenem Brief vor KI-gestützten Cyberangriffen
- Quartz: OpenAI, Anthropic, Google and more than 100 other companies have a warning about AI cyberattacks
