PhotoCraft: Was der KI-gebaute Photoshop-Nachbau wirklich kann

Monitor mit geöffneter Videoschnitt-Software und Zeitleiste in einem dunklen Raum
Photo by Sanjeev Nagaraj on Unsplash

Ein Photoshop-Nachbau, programmiert von KI-Agenten, kostenlos und quelloffen: PhotoCraft ist erst seit Ende September auf GitHub und füllt gerade Feeds und Videokanäle. Mehr als 57.000 GitHub-Nutzer haben das Repository mit einem Stern markiert, dazu kommen Nachbauten von Illustrator, Premiere, Word, Excel und AutoCAD. Der eigentliche Erkenntnisgewinn steckt aber nicht im Hype, sondern in den Dokumenten des Projekts selbst: Sie beziffern ziemlich genau, wie weit KI-Agenten beim Nachbau großer Software heute kommen und was der Rest kostet.

Das Wichtigste in Kürze

  • PhotoCraft ist eine in Rust geschriebene, quelloffene Bildbearbeitung (MIT- oder Apache-2.0-Lizenz), die Photoshop in Menüs, Werkzeugen und Tastenkürzeln nachbildet. Das Repository entstand am 30. September 2026.
  • Hinter dem Projekt steht ArtCraft um den Entwickler Brandon Thomas; gebaut wird überwiegend mit Agenten auf Basis von Claude Opus 5.5. Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend solcher „Craft“-Apps.
  • Das Projekt schätzt selbst: Rund 76 Prozent der Photoshop-Funktionen existieren in irgendeiner Form, für echte professionelle Arbeit taugt PhotoCraft aber erst zu etwa 45 Prozent.
  • Bis zur Beta-Reife veranschlagt das Team weitere 1.100 bis 1.800 Agentenstunden, bis zur vollen Gleichwertigkeit 2.300 bis 4.100.
  • Rechtlich beruft sich ArtCraft auf ein „Clean-Room“-Verfahren ohne fremden Code. Geprüft hat das bisher niemand, Adobe hat sich öffentlich nicht geäußert.

Was PhotoCraft heute kann

Wer PhotoCraft öffnet, findet sich schnell zurecht, und genau das ist das Versprechen. Menüs, Paletten und Kürzel liegen dort, wo Photoshop-Nutzer sie erwarten. Laut Projektbeschreibung gibt es Dutzende Werkzeuge, Ebenen mit Masken und Smartobjekten, 16 Einstellungsebenen wie Gradationskurven und Tonwertkorrektur, Ebenenstile, Text- und Vektorwerkzeuge sowie eine Pinsel-Engine mit Druck- und Neigungssteuerung. Die App läuft nativ unter macOS, Windows, Linux und FreeBSD und lässt sich als WebAssembly-Version sogar im Browser betreiben. Gerechnet wird auf der Grafikkarte über die Rust-Bibliothek wgpu, nicht in einer Web-Hülle wie Electron.

Das wichtigste Argument für Umsteiger ist das PSD-Format. PhotoCraft öffnet und speichert Photoshop-Dateien mit Ebenen; nach eigenen Tests sehen 307 von 309 Dateien aus dem öffentlichen Testkorpus der Bibliothek psd-tools nach dem erneuten Speichern unverändert aus. Interessant für Entwickler ist ein zweiter Punkt: Jede Funktion ist als Befehl hinterlegt, mehr als 500 insgesamt. Dieselben Befehle stehen über eine Kommandozeile und einen MCP-Server zur Verfügung, also die Schnittstelle, über die KI-Assistenten Programme steuern. Bildserien lassen sich so per Skript bearbeiten, und ein Agent kann PhotoCraft ebenso bedienen wie ein Mensch.

Wer es ausprobieren will, findet signierte Installationspakete auf getartcraft.com und in den GitHub-Releases. Der Entwicklungstakt ist hoch: Version 0.6.0 erschien am 10. Oktober, Version 0.8.2 schon zwei Tage später.

Die ehrlichste Zahl steht im Repository

In sozialen Netzwerken kursiert die Erzählung, ein einzelner Entwickler habe Adobes Software „in einer Woche“ geklont. Das Projekt selbst widerspricht dem bemerkenswert offen. In einem Paritätsdokument, zuletzt am 12. Oktober überarbeitet, unterscheidet das Team zwischen Funktionsbreite und Alltagstauglichkeit. Die Breite liegt bei etwa 76 Prozent: Alle 631 erfassten Photoshop-Menüpunkte lösen einen Befehl aus, 59 von 68 Werkzeugen sind vorhanden. Die Frage, ob ein Profi Photoshop damit ersetzen könnte, beantwortet das Team aber mit rund 45 Prozent, für Nutzer, die nur Grundfunktionen brauchen, mit etwa 61 Prozent.

Aufschlussreich ist auch, wie diese Zahlen entstanden sind. Am 3. Oktober hatte das Team noch 82 Prozent und nur 140 bis 220 Agentenstunden bis zu 95 Prozent veranschlagt. Diese Schätzung sei „viel zu optimistisch“ gewesen, heißt es heute: Seit der ersten Veröffentlichung gingen rund 1.230 Fehlermeldungen ein, die meisten zu Funktionen, die bereits als vorhanden gezählt waren. Bei Testdateien, die direkt in Photoshop erstellt wurden, stimmt das Ergebnis nur in 133 von 256 Fällen mit Photoshops eigener Darstellung überein, und Nutzer berichten, dass Photoshop von PhotoCraft gespeicherte Dateien teils ablehnt. Generative Funktionen wie Adobes generatives Füllen fehlen, ebenso Kompatibilität mit Photoshop-Plug-ins.

Die Rechnung dahinter ist der eigentlich neue Befund. Das Team setzt pro zusammengeführter Codeänderung zwei bis vier Agentenstunden an; die rund 1.000 bisherigen Änderungen entsprechen demnach 2.000 bis 4.000 Agentenstunden. Sie brachten PhotoCraft von null auf rund 45 Prozent Alltagstauglichkeit. Für die zweite Hälfte rechnet das Projekt mit noch einmal so viel Aufwand oder mehr. Weil sich nach eigener Einschätzung rund 80 Prozent der Arbeit parallelisieren lassen, schrumpft die Kalenderzeit, nicht aber der Rechenaufwand. Das deckt sich mit dem, was wir zuletzt zu den Kosten von Agenten-Teams beschrieben haben: Mehr Agenten beschleunigen, machen die Arbeit aber nicht billiger.

Clean Room oder Grauzone?

Rechtlich stützt sich ArtCraft auf das Clean-Room-Prinzip. Die Regeln für Mitwirkende verbieten, Code, Shader, Farbprofile oder Grafiken aus Adobe-Programmen zu übernehmen; Photoshop sei nur auf „Verhalten und Aussehen“ untersucht worden, umgesetzt werde aus öffentlichen Spezifikationen wie Adobes PSD-Dokumentation und dem ICC-Farbstandard. Ein Detail im Paritätsdokument zeigt allerdings, wie nah die Arbeit am Original ist: Zur Messung wurde ein installiertes Photoshop 2026 untersucht, ohne es zu starten, darunter Konfigurationsdateien, die Liste der Standard-Tastenkürzel und Zeichenketten aus der Programmdatei. Mit Dekompilieren, also dem Rückübersetzen von Maschinencode, hat das nichts zu tun. Es zeigt aber, dass „nur beobachtet“ in der Praxis ein dehnbarer Begriff ist.

Der an der Universität Sussex lehrende Rechtswissenschaftler Andres Guadamuz hält das Projekt in den USA für vermutlich zulässig, sofern der Clean Room tatsächlich sauber war. Urheberrecht schützt Programmcode als Text, nicht die Funktion. Gerichte haben das mehrfach bestätigt, etwa beim Streit um die Menübefehle der Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3 und 2021 im Verfahren Google gegen Oracle. In der EU stellte der Europäische Gerichtshof 2012 im Fall SAS Institute fest, dass Funktionalität, Programmiersprache und Dateiformate nicht urheberrechtlich geschützt sind. Angreifbar bleiben laut Guadamuz Lizenzbedingungen, die das Zerlegen der Software verbieten, außerdem Patente und Marken. Er erwartet weitere Prozesse darüber, ob KI-gestützte Clean Rooms so sauber sind wie behauptet.

Der Antrieb hinter dem Projekt ist ausdrücklich Ärger über Adobes Abo-Modell. Thomas schreibt, er sei zu oft über die Kündigungsgebühr gestolpert. Dafür gibt es einen offiziellen Hintergrund: Im März 2026 einigte sich Adobe mit dem US-Justizministerium auf ein Paket über 150 Millionen Dollar, nachdem die Behörden versteckte Gebühren für vorzeitige Kündigung und umständliche Kündigungswege beanstandet hatten. Adobe bestreitet ein Fehlverhalten.

Was der Nachbau bedeutet und was nicht

Die schärfste Gegenrede kommt vom Entwickler Christian Visintin. Unternehmen kauften keine Funktionsliste, sondern Wartung über viele Jahre, Support, Sicherheitsupdates und ein Ökosystem aus Cloud-Bibliotheken und Zusammenarbeit. GIMP und LibreOffice seien seit Jahrzehnten ausgereift und hätten Photoshop und Office im Profimarkt trotzdem nicht verdrängt. Der Einwand trifft einen wunden Punkt: Hunderte offene Fehlermeldungen verlangen eine Pflege, die auch mit KI-Agenten Geld und Aufmerksamkeit kostet.

Für Leser lässt sich das so einordnen: PhotoCraft ist heute ein beeindruckender, schneller und kostenloser Editor für Grundaufgaben wie Freistellen, Farbkorrektur und Montagen, ideal zum Ausprobieren und für Linux-Nutzer ohne Photoshop. Für Kundenaufträge oder den Austausch von PSD-Dateien mit Photoshop-Nutzern ist er noch nicht verlässlich; wer testet, sollte mit Kopien arbeiten.

Die größere Folgerung betrifft die Softwarebranche. Den ersten Teil eines Nachbaus, die sichtbare Oberfläche und die Grundfunktionen, liefern KI-Agenten inzwischen in Wochen statt Jahren. Teuer bleiben die Tiefe, die Dateitreue und das Vertrauen. Adobes Schutzgraben verschiebt sich damit von der Werkzeugpalette hin zu Firefly, Cloud-Diensten und jahrzehntelanger Formatverlässlichkeit. PhotoCraft beweist nicht, dass Photoshop ersetzbar ist. Es beweist, dass der Abstand dorthin jetzt in Agentenstunden messbar ist, und das Projekt veröffentlicht diese Zahl selbst.

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