
Rund 20 Milliarden Dollar Umsatz sind bei OpenAI binnen gut einer Woche verschwunden, zumindest auf dem Papier. Ende September kursierte ein annualisierter Umsatz von knapp 70 Milliarden Dollar, nun hat das Unternehmen seinen Investoren laut Financial Times eine Zahl von knapp 50 Milliarden genannt. Verloren hat OpenAI dabei kein Geschäft. Die Differenz ist eine Rechenfrage, und gerade deshalb lohnt der genaue Blick: Sie zeigt, wie wenig die meistzitierten Kennzahlen der KI-Branche taugen, wenn man sie nebeneinanderlegt.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI hat Investoren laut Financial Times einen annualisierten Umsatz von knapp 50 Milliarden Dollar für Ende September gemeldet; zuvor war von knapp 70 Milliarden die Rede.
- Die höhere Zahl entstand, weil Umsätze über Partner brutto hinzugerechnet wurden, um OpenAI mit Anthropic vergleichbar zu machen, das genau so bilanziert.
- Das Wachstum bleibt stark: Im dritten Quartal stieg die Umsatzrate laut CNBC um 77 Prozent, im Firmenkundengeschäft um 107 Prozent.
- An der Börse fiel die Oracle-Aktie am 8. Oktober um mehr als fünf Prozent, der Nasdaq lag am Nachmittag rund 1,4 Prozent im Minus.
- Gleichzeitig verhandelt OpenAI laut Bloomberg über mindestens 30 Milliarden Dollar frisches Kapital bei einer Bewertung von 1,4 Billionen Dollar.
Woher die 20 Milliarden kamen
Ein annualisierter Umsatz, im Branchenjargon Run-Rate, ist keine Bilanzzahl. Er rechnet den Umsatz eines kurzen Zeitraums, meist eines Monats, auf ein ganzes Jahr hoch. Für schnell wachsende Firmen ist das ein gängiger Gradmesser, aber er hängt stark davon ab, was man in den Ausgangsmonat hineinrechnet. Genau hier liegt der Unterschied. Das Nachrichtenportal Axios hatte am 29. September berichtet, OpenAIs Rate nähere sich 70 Milliarden Dollar. Nach Angaben einer mit den Zahlen vertrauten Person, die CNBC zitiert, enthielt dieser Wert jedoch den Bruttoumsatz aus Geschäften über Partner. In den Unterlagen für Investoren stand die schlankere Zahl von etwa 50 Milliarden.
Brutto heißt: Wird ein KI-Modell über die Plattform eines Cloud-Anbieters verkauft, zählt der gesamte Betrag, den der Kunde zahlt, als eigener Umsatz, und der Anteil des Plattformbetreibers erscheint als Kosten. Netto zählt nur, was nach Abzug dieses Anteils beim Modellanbieter ankommt. Anthropic bucht brutto, OpenAI bei einem Teil seiner Partnergeschäfte netto. Zulässig sind grundsätzlich beide Verfahren; entscheidend ist, wer in einem Geschäft als eigentlicher Anbieter gilt. Sie liefern nur unterschiedlich große Zahlen.
Warum der Vergleich mit Anthropic so heikel ist
Wie groß der Effekt sein kann, zeigen Anthropics vertrauliche Börsenunterlagen, die Reuters einsehen konnte. Demnach liefen 2025 rund 2,16 Milliarden Dollar über die Cloud-Marktplätze von Amazon und Google, 47 Prozent des Jahresumsatzes. An die Plattformen gingen etwa 351 Millionen Dollar Gebühren, die Anthropic als Vertriebs- und Partnerkosten verbucht. Das Unternehmen begründet die Bruttobuchung damit, dass es Preise festlegt und die Leistung selbst erbringt. OpenAI hatte Investoren schon im Juni vorgehalten, dieser Ansatz blähe Anthropics Umsatz um Milliarden auf. Was wir zu Anthropics Zahlen und Risiken aus dem Prospekt wissen, haben wir bei der Analyse des Börsenprospekts zusammengetragen.
Die Pointe der aktuellen Korrektur: Investoren hatten OpenAIs Zahl nach oben gerechnet, um sie neben Anthropics Run-Rate stellen zu können, die laut Bloomberg Ende Juli bei mehr als 65 Milliarden Dollar lag. Dieses Nebeneinander ist ohnehin wacklig. Beide Firmen sind nicht börsennotiert, beide Werte stammen aus Investorenmitteilungen, die nur aus zweiter Hand bekannt werden, und keiner davon ist geprüfter Umsatz. Wer daraus ein Rennen um die Spitze ableitet, vergleicht zwei Hochrechnungen mit unterschiedlichem Maßband.
Was die Börse daraus gelesen hat
Am Markt kam die Nachricht dennoch als Dämpfer an. Am 8. Oktober verlor die Oracle-Aktie laut Benzinga mehr als fünf Prozent, auch Nvidia, AMD und Microsoft gaben nach, der Technologieindex Nasdaq lag am Nachmittag rund 1,4 Prozent im Minus. Allerdings drückten an diesem Tag auch steigende Ölpreise und Anleiherenditen auf die Kurse. Die Nervosität ist trotzdem nachvollziehbar: Oracle, Nvidia und andere Infrastrukturanbieter haben milliardenschwere Verträge mit OpenAI, deren Wert davon abhängt, ob die Einnahmen des Kunden mit seinen Rechenzentrumsplänen Schritt halten. Wie groß diese Verpflichtungen sind, haben wir anhand von OpenAIs Ausgabenplanung eingeordnet.
Für OpenAIs Kapitalsuche ändert die Korrektur die Rechnung spürbar. Laut Bloomberg verhandelt das Unternehmen über mindestens 30 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 1,4 Billionen Dollar vor der Einlage. Gemessen an 70 Milliarden Run-Rate entspräche das etwa dem 20-Fachen, gemessen an 50 Milliarden eher dem 28-Fachen. Noch im März hatte OpenAI bis zu 122 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 852 Milliarden eingesammelt. Einen Börsengang in diesem Jahr hat Sam Altman ausgeschlossen, 2027 gilt als möglich.
Was hinter der Zahl tatsächlich steht
Bei allem Lärm um die Differenz geht leicht unter, dass das Geschäft selbst wächst. Laut CNBC zeigte OpenAI Investoren ein Wachstum der Umsatzrate von 77 Prozent im dritten Quartal, im Geschäft mit Unternehmen sogar von 107 Prozent. Bis Jahresende erwartet das Unternehmen laut Bloomberg eine Rate von mindestens 70 Milliarden Dollar, getragen vor allem von Firmenkunden. Die 70 Milliarden könnten also tatsächlich kommen, nur eben ein Quartal später und nach der eigenen, engeren Zählweise.
Fazit: Die Kennzahl ist das Problem, nicht der Umsatz
Die Episode ist weniger ein Zeichen für schwächelnde KI-Nachfrage als für ein Informationsproblem. Solange die großen KI-Labore privat sind und ihre Zahlen nur in Investorenrunden durchsickern, stützen sich Bewertungen, Aktienkurse von Zulieferern und öffentliche Wettläufe auf Hochrechnungen, die nach jeweils eigenen Regeln entstehen. Spätestens mit den Börsengängen müssen beide Unternehmen geprüfte, vergleichbare Abschlüsse vorlegen. Bis dahin ist bei jeder neuen Run-Rate die erste Frage nicht, wie hoch sie ist, sondern wie sie gezählt wurde.
Quellen
- TechCrunch: OpenAI's revenue is reportedly $20 billion less than previously projected
- Benzinga/Yahoo Finance: OpenAI Revenue $20B Below Previous Reports, ORCL, NVDA Tumble
- The Decoder: OpenAI verzeichnet weiter rasantes Umsatzwachstum und plant neue 30-Milliarden-Runde
- Reuters/Khaleej Times: Anthropic IPO prospectus lays bare deep dependence on Big Tech partners

