
Chloé Bakalar trat im August 2025 als OpenAIs erste und bislang einzige dedizierte Ethik-Chefin an. Elf Monate später, im Juli 2026, verließ sie das Unternehmen wieder, ohne öffentliche Begründung. Eine Nachbesetzung ist nicht geplant. Was nach einer einzelnen Personalie klingt, reiht sich in eine Serie von Abgängen aus OpenAIs Sicherheits- und Ethikbereich ein und wirft die Frage auf, welchen Stellenwert ethische Kontrolle bei dem Unternehmen noch hat, das gerade den womöglich größten Börsengang der Tech-Geschichte vorbereitet.
Das Wichtigste in Kürze
- Chloé Bakalar, OpenAIs einzige dedizierte Ethikerin, verließ das Unternehmen im Juli 2026 nach elf Monaten Amtszeit.
- OpenAI besetzt die Position nicht neu, sondern verteilt ethische Fragen auf mehrere Forschungsteams.
- Im selben Sommer verließen auch Johannes Heidecke (Leiter Safety Systems) und Joshua Achiam (Chief Futurist) das Unternehmen.
- Auch die frühere Robotikchefin Caitlin Kalinowski hatte OpenAI bereits im März 2026 aus ethischen Bedenken verlassen und wechselte zu Anthropic.
- Mit CFO Brad Lightcap verließ am 11. August 2026 zudem ein Manager mit acht Jahren Betriebszugehörigkeit das Unternehmen.
Eine Stelle, die es so nur einmal gab
Bakalar kam im August 2025 von Meta zu OpenAI, wo sie zuvor als Chief Ethicist die KI-Ethik-Richtlinien für Instagram und Facebook mitentwickelt hatte. Bei OpenAI war sie nach übereinstimmenden Berichten die einzige Person im Unternehmen, deren Aufgabe ausschließlich ethischen Fragen der Modellentwicklung galt: wie Menschen mit KI-Systemen interagieren, welche Grenzen bei der Persönlichkeitsgestaltung von Chatbots gelten sollten und die Debatte um mögliches maschinelles Bewusstsein. In dieser Debatte hatte sie zuvor öffentlich eine nüchterne Position vertreten und Sprachmodelle als „Vorhersagemaschinen“ bezeichnet, deren Empfindungsfähigkeit „absolut nicht“ bevorstehe. Diese Position steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu Aussagen von OpenAI-Chef Sam Altman, der zuletzt öffentlich erklärte, die Menschheit befinde sich bereits „mitten in der Singularität“, ein Gegensatz, der die unterschiedlichen Grundhaltungen innerhalb des Unternehmens sichtbar macht.
Kein Einzelfall, sondern ein Muster
Bakalars Abgang steht nicht isoliert da. Im selben Sommer verließen mit Johannes Heidecke, dem bisherigen Leiter des Safety-Systems-Teams, und Joshua Achiam, OpenAIs Chief Futurist, zwei weitere Führungskräfte mit Sicherheitsverantwortung das Unternehmen. Bereits im März 2026 hatte, wie kabel-salat.info damals berichtete, Robotikchefin Caitlin Kalinowski OpenAI aus Gewissensgründen verlassen, nachdem sie sich in internen Verhandlungen über Überwachungs- und autonome Waffensysteme für das Pentagon nicht durchsetzen konnte; sie wechselte anschließend zu Anthropic. Am 11. August 2026 kam mit dem Abgang von Brad Lightcap, der acht Jahre lang als Finanzchef und zuletzt als Verantwortlicher für Sonderprojekte bei OpenAI tätig war, eine weitere prominente Personalie hinzu. Ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Rücktritten ist nicht belegt, doch die Häufung innerhalb weniger Monate lässt sich schwer als Zufall abtun.
„Ethik gehört niemandem“, sagt das Unternehmen
Auf Anfragen zu Bakalars Abgang reagierte OpenAI mit einer Formulierung, die inzwischen fast wörtlich in mehreren Medien zitiert wird: KI-Ethik sei „nicht bei einer einzelnen Person oder einem Team angesiedelt“, sondern „tief in den Modellentwicklungsprozess eingebettet, getragen von mehreren Forschungsteams“. Für ein Unternehmen, das gerade erst eine dedizierte Ethikstelle geschaffen und nach elf Monaten wieder abgeschafft hat, klingt das nach einer nachträglichen Rechtfertigung für eine strukturelle Entscheidung. Kritiker verweisen darauf, dass verteilte Verantwortung in der Praxis häufig bedeutet, dass niemand mehr konkret zuständig ist, ein Effekt, der in großen Organisationen gut dokumentiert ist. Befürworter des Schritts halten dagegen, dass eine zentrale Ethikstelle in einem so schnell wachsenden Unternehmen ohnehin nur symbolischen Wert habe, wenn die eigentlichen Entscheidungen in den Forschungsteams fielen. Hinzu kommt ein struktureller Punkt, den Kritiker anführen: Eine einzelne Ethikstelle hatte in einem Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitenden ohnehin nie die Möglichkeit, jede Modellentscheidung zu prüfen, sie konnte höchstens Leitplanken setzen und im Zweifel öffentlich widersprechen. Genau diese Widerspruchsfunktion entfällt nun, wenn niemand mehr formal dafür zuständig ist, ethische Bedenken auch gegen den Willen der Produktteams zu äußern.
Fazit
Ob die Auflösung der Ethikstelle bei OpenAI ein bewusster Strategiewechsel oder schlicht das Ergebnis mehrerer unabhängiger Kündigungen ist, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Auffällig bleibt der Zeitpunkt: Die Häufung der Abgänge fällt in eine Phase, in der OpenAI parallel ein freiwilliges KI-Bewertungssystem ankündigt und sich auf einen möglichen Börsengang vorbereitet, also genau die Momente, in denen unabhängige ethische Kontrolle besonders gefragt wäre. Ob die verteilte Verantwortung in der Praxis funktioniert, wird sich vor allem daran zeigen, ob OpenAI in den kommenden Monaten überhaupt noch öffentlich sichtbar über ethische Abwägungen spricht, oder ob das Thema mit der Person, die dafür zuständig war, ebenfalls verschwindet.
