DeepSeek verhandelt schon wieder: 71 Milliarden Dollar nur einen Monat später

Serverreihen in einem Rechenzentrum, Symbolbild für KI-Infrastruktur
Photo by Winston Chen on Unsplash

Erst Anfang Juni sammelte DeepSeek rund sieben Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 52 Milliarden Dollar ein. Jetzt, kaum vier Wochen später, verhandelt das chinesische KI-Unternehmen bereits über die nächste Runde – diesmal zu einer Vorbewertung von etwa 71 Milliarden Dollar. Das Tempo ist ungewöhnlich, selbst für eine Branche, die an schnelle Bewertungssprünge gewöhnt ist, und es verrät mehr über DeepSeeks strategische Zwangslage als über ein neues Vorzeigemodell.

Das Wichtigste in Kürze

  • DeepSeek verhandelt laut Financial Times und Bloomberg über eine neue Finanzierungsrunde bei rund 71 Milliarden Dollar Vorbewertung – ein Plus von etwa 37 Prozent gegenüber der Runde von Anfang Juni.
  • Die vorherige Runde brachte rund sieben Milliarden Dollar, angeführt von Gründer Liang Wenfeng (etwa drei Milliarden Dollar aus eigener Tasche), Tencent, CATL, JD.com, NetEase und Chinas staatlichem KI-Fonds.
  • Das frische Kapital soll in eigene Gigawatt-Rechenzentren, KI-Chips und einen eigenen Inferenzchip fließen – ein Weg weg von der Abhängigkeit von Nvidia und Huawei.
  • Parallel bereitet DeepSeek einen Börsengang vor, angepeilt für 2027, ein Antrag könnte bereits Ende 2026 folgen.
  • Technologisch liegt DeepSeek weiter hinter den Spitzenmodellen von OpenAI und Anthropic, gewinnt aber über aggressive Niedrigpreise rasant Marktanteile bei US-Unternehmen.

Warum die Bewertung so schnell steigt

Ein Bewertungssprung von 52 auf 71 Milliarden Dollar in nur einem Monat lässt sich nicht mit einem technologischen Durchbruch erklären – ein neues Vorzeigemodell gab es in diesem Zeitraum nicht. Stattdessen dürfte der Sprung vor allem mit der Marktdynamik in China zusammenhängen: DeepSeek hat sich mit den im Juni veröffentlichten Modellen V4-Pro und V4-Flash, die laut Unternehmensangaben bis zu 1,6 Billionen Parameter umfassen, als ernstzunehmender Anbieter etabliert. Die Modelle kosten in der Nutzung nach Angaben des Unternehmens rund elfmal weniger als OpenAIs GPT-5.5 – ein Preisabstand, der bei US-Firmen laut Daten des Zahlungsdienstleisters Ramp für spürbares Wachstum sorgt, wie auch kürzlich am Beispiel weiterer chinesischer Modelle beschrieben.

Hinzu kommt die Struktur der ersten Runde: Kommerzielle Investoren wie Tencent oder CATL erhielten keine direkten Unternehmensanteile, sondern beteiligten sich über eine Limited Partnership mit fünfjähriger Haltefrist. Nur Chinas staatlicher KI-Fonds bekam echte Stimmrechte. Diese Konstruktion sichert Gründer Liang Wenfeng die Kontrolle über das Unternehmen – macht es für Investoren aber auch attraktiver, bei einer neuen, höheren Bewertung erneut mitzuziehen, weil frühere Anteile dadurch aufgewertet werden.

Wofür DeepSeek das Geld braucht

Anders als bei vielen westlichen KI-Firmen fließt ein erheblicher Teil des Kapitals nicht in Trainingsläufe, sondern in Infrastruktur, die DeepSeek unabhängiger von US-Sanktionen machen soll. Konkret geplant sind eigene Gigawatt-Rechenzentren sowie ein selbst entwickelter Inferenzchip – also ein Chip, der darauf spezialisiert ist, trainierte Modelle im laufenden Betrieb auszuführen, statt sie neu zu trainieren. Das würde DeepSeek schrittweise von Nvidia- und Huawei-Hardware lösen, deren Export nach China seit Jahren politischen Beschränkungen unterliegt. Ein Teil der Mittel ist zudem für den Ausbau von KI-Agenten-Produkten vorgesehen, mit denen DeepSeek über reine Chatmodelle hinaus wachsen will.

Börsengang als nächster Schritt

Parallel zur Finanzierungsrunde bereitet DeepSeek laut übereinstimmenden Berichten einen Börsengang vor. Ein Antrag könnte demnach bereits Ende 2026 eingereicht werden, mit einer angepeilten Notierung im Jahr 2027. Ein IPO wäre für ein chinesisches KI-Unternehmen dieser Größenordnung ein bedeutender Schritt – nicht zuletzt, weil er öffentliche Rechenschaftspflichten mit sich bringt, die der bisherigen, stark auf Gründerkontrolle ausgelegten Eigentümerstruktur zuwiderlaufen könnten. Wie DeepSeek diesen Spagat lösen will, ist bislang nicht bekannt.

Ein ungewöhnlicher Investorenkreis

Bemerkenswert ist auch, wer bei DeepSeek überhaupt investiert. Statt klassischer Wagniskapitalgeber aus dem Silicon-Valley-Umfeld stehen bei den bisherigen Runden vor allem chinesische Industriekonzerne im Vordergrund: der Batteriehersteller CATL, der E-Commerce-Riese JD.com, der Internetkonzern NetEase und Tencent als größter chinesischer Techkonzern. Diese Konstellation ist auch dem geopolitischen Kontext geschuldet – DeepSeek hat kaum Zugang zu amerikanischem Kapital und US-Hardware und muss sich deshalb auf heimische Geldgeber und heimische Recheninfrastruktur verlassen. Das erklärt zugleich, warum die Bewertung trotz des rasanten Wachstums noch deutlich unter der von OpenAI oder Anthropic liegt, deren Zugang zu internationalem Kapital und High-End-Chips ungleich größer ist. Wie schon bei der Debatte um die wirtschaftlichen Folgen der KI-Entwicklung zeigt sich: Kapitalzugang und geopolitische Rahmenbedingungen bestimmen das Tempo der Branche mindestens so stark wie technologische Fortschritte selbst.

Einordnung

Der Bewertungssprung sagt mehr über das Tempo aus, mit dem chinesisches Kapital in den heimischen KI-Sektor drängt, als über DeepSeeks technologische Führungsposition. Im direkten Modellvergleich liegt das Unternehmen weiterhin hinter OpenAIs GPT-5.6 Sol und Anthropics Claude Mythos zurück. Seine eigentliche Stärke ist der Preis – und genau darauf zielt die neue Finanzierung: Wer eigene Rechenzentren und Chips besitzt, kann Niedrigpreise langfristig durchhalten, ohne von den Kostenstrukturen westlicher Cloud-Anbieter abhängig zu sein. Für den Wettbewerb um KI-Marktanteile in Unternehmen dürfte das die Preisspirale, die schon jetzt spürbar ist, weiter beschleunigen.

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