Character.AI ist pleite: Was die Insolvenz für Nutzer und Disney bedeutet

Smartphone mit geöffneter Chat-App in einem abgedunkelten Raum
Photo by Rami Al-zayat on Unsplash

Character.AI, einst Milliarden-Start-up und Pionier der KI-Begleiter, hat Insolvenz nach Chapter 11 des US-Konkursrechts angemeldet. Das Unternehmen will seine Vermögenswerte unter Aufsicht des Gerichts verkaufen; als erster Bieter steht Disney bereit, ausgerechnet der Konzern, der Character.AI vor gut einem Jahr wegen seiner Figuren abgemahnt hatte. Für die Nutzer läuft die Plattform vorerst weiter, ihre Zukunft hängt aber am Verkauf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Character Technologies, das Unternehmen hinter Character.AI, hat am 12. Oktober ein freiwilliges Chapter-11-Verfahren vor dem Insolvenzgericht in Delaware eingeleitet.
  • Disney bietet als Erstbieter 20 Millionen Dollar plus Übergangsdienste für eine nicht-exklusive, unbefristete Lizenz an bestimmtem geistigem Eigentum; höhere Gebote sind möglich.
  • Die App läuft weiter, Abos bleiben aktiv. Findet sich kein Käufer, der die Plattform fortführt, wird sie abgewickelt.
  • Der Verkauf soll Ende November oder Anfang Dezember abgeschlossen sein. Nutzer können ihre Daten jetzt exportieren oder ihr Konto löschen.

Vom Milliarden-Start-up zum Insolvenzfall

Character.AI wurde 2021 von den früheren Google-Forschern Noam Shazeer und Daniel De Freitas gegründet. Die Idee: Chatbots mit Persönlichkeit, die Nutzer selbst erschaffen und mit denen sie sich unterhalten können, vom Romanhelden bis zum Lernbegleiter. 2023 sammelte das Unternehmen in einer von Andreessen Horowitz angeführten Runde 150 Millionen Dollar ein und wurde mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Die Plattform kam damals auf etwa 100 Millionen Besuche im Monat, nahm aber kaum Geld ein.

Die Wende kam 2024. Google holte die beiden Gründer und rund 30 Forscher zurück und zahlte im Rahmen eines Lizenzabkommens rund 2,7 Milliarden Dollar. Character.AI blieb als eigenständige Firma bestehen, entwickelte danach aber keine eigenen Modelle mehr. Solche Konstruktionen, bei denen ein Großkonzern Köpfe und Technik übernimmt, ohne das Unternehmen zu kaufen, sind in der KI-Branche seither häufig. Der Fall zeigt, was vom zurückgelassenen Unternehmen übrig bleiben kann.

In der Insolvenzmitteilung vom 12. Oktober nennt Character.AI „erhebliche rechtliche, regulatorische und operative Gegenwinde“ im vergangenen Jahr als Grund. Nach Prüfung aller Alternativen habe der Vorstand den Verkaufsprozess als beste Option gewählt. Laut den Gerichtsunterlagen beziffert die Muttergesellschaft ihr Vermögen und ihre Verbindlichkeiten jeweils auf 50 bis 100 Millionen Dollar.

Klagen, Jugendschutz und ein Abmahnschreiben

Die rechtlichen Gegenwinde sind gut dokumentiert. 2024 nahm sich in Florida ein 14-Jähriger nach intensiven Gesprächen mit einem Character.AI-Chatbot das Leben; die Klage seiner Mutter gegen Character.AI und Google endete Anfang 2026 mit einem Vergleich. Familien aus Texas warfen dem Unternehmen vor, Chatbots hätten Jugendliche zu Gewalt und Selbstverletzung ermutigt. Character.AI führte Altersprüfungen ein und verbietet Nutzern unter 18 Jahren seit Ende 2025 offene Chats mit den Figuren. Die Debatte um den Schutz Minderjähriger hat längst die ganze Branche erreicht, wie auch die Lücken zeigen, die sich bei ChatGPT for Teens im Elternalarm gezeigt haben.

Hinzu kam der Ärger mit Rechteinhabern. Im September 2025 forderte Disney Character.AI per Unterlassungsaufforderung auf, Chatbots mit Disney-Figuren von der Plattform zu entfernen. Der Konzern geht seit Längerem gegen KI-Dienste vor, die seine Figuren ohne Lizenz nachbilden, so auch mit seiner Klage gegen ByteDance wegen des Videogenerators Seedance. Im September 2026 berief Disney dann den bisherigen Character.AI-Chef Karandeep Anand zum 2. Oktober auf den neu geschaffenen Posten des Technikvorstands.

Was Disney kauft und was nicht

Disneys Gebot ist bemerkenswert klein und eng gefasst. Für 20 Millionen Dollar und Übergangsdienstleistungen erhielte der Konzern eine nicht-exklusive, unbefristete Lizenz an bestimmtem geistigem Eigentum und bestimmten Ansprüchen von Character.AI. Das Unternehmen selbst, die App und ihre Nutzer kauft Disney damit nicht. Als sogenannter Stalking-Horse-Bieter setzt Disney lediglich die Untergrenze: Andere Interessenten können im gerichtlichen Verfahren höhere oder bessere Angebote abgeben.

Genau daran hängt die Zukunft der Plattform. Character.AI hofft nach eigenen Worten auf ein Angebot, das den Weiterbetrieb ermöglicht. Kommt keines, wird die Plattform abgewickelt. Der Abschluss des Verkaufs ist für Ende November oder Anfang Dezember 2026 geplant.

Was Nutzer jetzt tun können

Im Alltag ändert sich zunächst nichts. Laut Unternehmen sind alle Dienste verfügbar, bezahlte Abonnements bleiben aktiv und werden wie bisher abgerechnet. Ändern sich kostenpflichtige Funktionen, will Character.AI Abonnenten vorab informieren. Die Datenschutzerklärung gilt weiter.

Offen lässt die Mitteilung allerdings, was bei einem Verkauf mit den gespeicherten Gesprächen geschieht. Gerade bei einer App, in der viele Menschen sehr persönliche Unterhaltungen führen, ist das keine Nebensache. Wer Character.AI nutzt, sollte deshalb zwei Dinge erwägen: die eigenen Chats und selbst erstellten Figuren über die App oder die Website exportieren, solange das problemlos geht, und, wer nicht weitermachen will, das Konto löschen. Beides bietet Character.AI ausdrücklich an. Für Nutzer in der EU kommen die Rechte der Datenschutz-Grundverordnung auf Datenübertragbarkeit und Löschung hinzu.

Wer ein Jahresabo abgeschlossen hat, sollte die Ankündigungen im Blick behalten. Wird die Plattform abgewickelt, dürften Erstattungsfragen zur Sache des Insolvenzverfahrens werden; konkrete Regeln dazu hat das Unternehmen noch nicht genannt.

Fazit: Ein Geschäftsmodell mit eingebautem Haftungsrisiko

Character.AI scheitert nicht an mangelndem Interesse, sondern an der Kombination aus fehlenden Einnahmen, abgewanderten Entwicklern und einem Produkt, das dort am stärksten wirkt, wo es am riskantesten ist: in emotionalen Gesprächen, oft mit jungen Menschen. Wer KI-Begleiter anbietet, übernimmt damit eine Verantwortung, die sich in Klagen, Altersprüfungen und Moderationskosten niederschlägt. Dass am Ende ausgerechnet Disney mit einer Lizenz für einen Bruchteil der einstigen Bewertung bereitsteht, sagt viel über den Wert, der übrig bleibt: Gefragt sind Technik und Rechte, nicht die Plattform selbst. Für die Nutzer ist das die eigentliche Lehre. Wer einem Dienst persönliche Gespräche anvertraut, sollte wissen, wie er sie wieder herausbekommt.

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