Anthropics Zwei-Billionen-Börsengang und der Trust, der das Board bestimmt

Blick in einen Börsensaal mit Anzeigetafeln als Sinnbild für einen großen Technologie-Börsengang
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Anthropic bereitet den größten Technologie-Börsengang seit Jahren vor: Bis zu zwei Billionen Dollar soll der Claude-Entwickler wert sein, wenn er im Herbst 2026 an die Börse geht. Für Anleger ist die Bewertung nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte ist die Frage, wer den Konzern nach dem Börsengang eigentlich steuert, und die Antwort fällt bei Anthropic anders aus als bei fast jedem anderen börsennotierten Unternehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anthropic hat am 1. Juni 2026 vertraulich einen Börsenprospekt (S-1) bei der US-Börsenaufsicht eingereicht; der Handelsstart wird für Herbst 2026 erwartet, geführt von Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley.
  • Über einen wachsenden Teil der Verwaltungsratssitze bestimmt der Long-Term Benefit Trust, ein Gremium ohne Kapitalanteil, dessen bis zu fünf Treuhänder allein der Mission verpflichtet sind.
  • Zusätzlich sollen die Gründer um Dario Amodei laut Bloomberg und The Information Aktien mit mehrfachem Stimmrecht erhalten, obwohl sie zusammen weniger als fünf Prozent des Kapitals halten.
  • Die Bewertung stieg von 380 Milliarden Dollar im Februar 2026 über 965 Milliarden im Mai auf die jetzt kolportierten zwei Billionen.
  • Käufer der Aktie erwerben Anteil am Gewinn, aber kaum Kontrolle über die Richtung des Unternehmens.

Ein Trust, der keine Aktien besitzt, aber das Board besetzt

Herzstück der Anthropic-Governance ist der Long-Term Benefit Trust, kurz LTBT. Er hält eine eigene Aktiengattung, die sogenannten Class-T-Anteile, die keinen wirtschaftlichen Wert haben: keine Dividende, kein Kursgewinn, kein finanzieller Vorteil. Ihr einziger Zweck ist Kontrolle. Der Trust kann einen über mehrere Jahre wachsenden Teil des Verwaltungsrats berufen und abberufen, bis hin zur Mehrheit. Aktuell zählt das Board sechs Mitglieder, darunter Dario und Daniela Amodei sowie der frühere Netflix-Chef Reed Hastings und Novartis-Chef Vas Narasimhan. Aus seiner Rolle drängen lässt sich der Trust nur mit einer sehr großen Kapitalmehrheit; kolportiert werden 85 Prozent der Stimmrechte, und diese Schwelle steigt, je mehr Macht der Trust übernimmt.

Besetzt ist der Trust derzeit mit drei von fünf möglichen Treuhändern: dem Vorsitzenden Neil Buddy Shah, dem früheren US-Notenbankchef Ben Bernanke und dem außenpolitischen Analysten Richard Fontaine. Der Jurist Mariano-Florentino Cuéllar, zuvor ebenfalls im Gremium, schied Anfang August 2026 aus. Die Treuhänder halten wöchentliche interne Treffen ab, sprechen regelmäßig mit der Konzernführung und lassen sich größere Schritte bis hin zu neuen Modellstarts vorab ankündigen. Wie ernst Anthropic den Sicherheitsanspruch dahinter nimmt, zeigte zuletzt ein eigens manipulativ trainiertes Forschungsmodell.

Warum die Börse dieses Modell testet

Anthropic ist als Public Benefit Corporation verfasst, eine US-Rechtsform, die den Vorstand ausdrücklich verpflichtet, neben dem Aktionärsinteresse auch einen definierten Gemeinwohlzweck zu verfolgen, hier die verantwortungsvolle Entwicklung fortgeschrittener KI zum langfristigen Nutzen der Menschheit. An der Börse trifft dieser Anspruch auf Quartalsberichte, aktivistische Investoren und Sammelklagen. Die Financial Times bringt es auf den Punkt: Die öffentliche Marktkontrolle verschärft den Druck auf Anthropics Versuch, Profit und Zweck auszubalancieren.

Das Vorbild, das alle im Blick haben, ist der Fehlschlag der Konkurrenz. Als OpenAIs Non-Profit-Board Ende 2023 versuchte, CEO Sam Altman zu entlassen, brach die Konstruktion binnen Tagen zusammen; Mitarbeiter und Großinvestor Microsoft erzwangen die Rückkehr. Seither gilt als offene Frage, ob ein Mission-Gremium gegen geballten kommerziellen Druck überhaupt handlungsfähig ist. Anthropic beantwortet sie mit einer festeren rechtlichen Verankerung, aber der Praxistest steht noch aus.

Was Aktionäre bekommen und was nicht

Der wirtschaftliche Teil der Geschichte ist beeindruckend. Anthropics auf das Jahr hochgerechnete Umsatzrate ist von rund neun Milliarden Dollar Ende 2025 auf etwa 65 Milliarden Dollar im Sommer 2026 gestiegen. Dass der Börsengang damit näher rückt und Anthropic sogar vor OpenAI an die Börse gehen könnte, zeichnete sich bereits im August ab. Rund 80 Prozent der Erlöse stammen aus dem Geschäft mit Unternehmen und Programmierschnittstellen, nicht aus einer Consumer-App. Größter Anteilseigner ist Amazon, das je nach Zählweise 15 bis 21 Prozent hält, gefolgt von Google mit rund 14 Prozent; beide haben trotz Milliardeninvestitionen keinen Sitz im Verwaltungsrat.

Wer die Aktie zeichnet, kauft also einen Anteil an einem schnell wachsenden Geschäft, aber praktisch kein Mitspracherecht. Die Kombination aus Trust und geplanten Mehrstimmrechten der Gründer bedeutet, dass eine sehr kleine Gruppe die strategische Richtung bestimmt, während der Streubesitz die Kursrisiken trägt. Das ist bei Tech-Börsengängen nicht neu, Meta, Alphabet und Snap haben ähnliche Doppelstrukturen, aber die zusätzliche Ebene eines an die Mission gebundenen Trusts hat so noch kein börsennotierter Konzern.

Ausblick

Der Anthropic-Börsengang wird zum Realexperiment: Lässt sich eine gemeinwohlorientierte Kontrollstruktur mit den Erwartungen des Kapitalmarkts vereinbaren, oder mahlt der Quartalsdruck sie mit der Zeit ab? Für Anleger ist die entscheidende Sorgfaltspflicht diesmal nicht die Umsatzprognose, sondern der Prospekt selbst, konkret die Passagen zu Class-T-Aktien, zu den Schwellen für eine Abberufung des Trusts und zu den Stimmrechten der Gründer. Wer dort nur die Wachstumszahlen liest, übersieht, worüber er bei Anthropic tatsächlich nicht mitentscheidet.

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