Was ChatGPT wirklich über dich weiß: Ein Tool macht den stillen Datenschatz sichtbar

Smartphone mit Chat-App, symbolisch für Datenspuren in KI-Unterhaltungen
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Wer ChatGPT oder Claude über Monate hinweg wie ein digitales Tagebuch nutzt, hinterlässt ein Profil, das weit über einzelne Antworten hinausgeht. Der Sicherheitsanbieter Proton hat dafür ein kostenloses Analyse-Tool namens AI Paper Trail veröffentlicht, das genau diesen blinden Fleck offenlegt: Es liest den exportierten Chatverlauf und zeigt in einem Bericht, welches Bild sich daraus über eine Person ergibt, inklusive eines Dollarwerts für die eigenen Daten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Proton hat mit AI Paper Trail ein kostenloses Browser-Tool veröffentlicht, das exportierte Chatverläufe aus ChatGPT und Claude analysiert.
  • Der Bericht liefert einen „Privacy Type“, einen „AI Exposure Score“ und einen geschätzten Dollarwert der eigenen Daten für KI-Anbieter.
  • Ein Test des Portals t3n ergab bei einem realen Account einen Exposure Score von 31 von 100 Punkten und einen geschätzten Datenwert von 15 US-Dollar.
  • Bei einem Testaccount mit Halbmarathon-Trainingsdaten erkannte das Tool vier Warnsignale, darunter Erholungs- und Ernährungsdetails.
  • Proton verspricht, die hochgeladenen Daten sofort nach der Analyse zu löschen und nicht auf eigenen Servern zu speichern.

Wie die Analyse funktiert

Der Ablauf ist bewusst niedrigschwellig gehalten: Nutzer exportieren ihren Chatverlauf über die Datenschutz-Einstellungen von ChatGPT oder Claude als ZIP- beziehungsweise JSON-Datei und laden sie direkt im Browser bei AI Paper Trail hoch, ohne Account-Anmeldung. Das Tool basiert auf Protons eigenem KI-Assistenten Lumo und wertet pro Durchlauf eine Datei aus. Aus dem Text extrahiert es Interessensprofile, Gesundheitsangaben, finanzielle Informationen, Ernährungs- und Trainingsdaten sowie persönliche Ziele und Termine, alles Informationen, die Nutzer in aller Regel beiläufig preisgeben, ohne an ihre Summe zu denken.

Am Ende steht ein Bericht mit drei zentralen Kennzahlen: dem „Privacy Type“ als eine Art Persönlichkeitsetikett für das eigene Datenschutzverhalten, dem „AI Exposure Score“ als Zahl zwischen 0 und 100, die sich aus Menge und Aussagekraft der extrahierten Datenpunkte ergibt, und einem geschätzten Geldwert, den diese Daten für einen KI-Anbieter hätten. Nutzer können den Bericht optional teilen, etwa um Familie oder Kollegen für das Thema zu sensibilisieren.

Der Praxistest zeigt die Lücke zwischen Gefühl und Realität

t3n-Autor Marco Engelien testete das Tool an zwei Accounts. Beim eigenen, über Monate genutzten ChatGPT-Verlauf ermittelte AI Paper Trail einen Exposure Score von 31 von 100 Punkten und einen geschätzten Datenwert von 15 US-Dollar, eine Zahl, die auf den ersten Blick moderat wirkt, aber allein aus Alltagsgesprächen entstand, ohne dass bewusst sensible Themen angesprochen wurden. Bei einem zweiten Testaccount, der gezielt mit Trainingsdaten zu einem Halbmarathon gefüttert wurde, identifizierte das Tool vier separate Warnsignale, darunter Angaben zur Erholungsphase und zur Ernährung, Daten, die in Kombination Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand einer Person zulassen.

Proton warnt in der eigenen Beschreibung des Tools ausdrücklich vor genau diesem Effekt: Sobald einzelne Details aus einem Chatverlauf abgeleitet wurden, könnten sie für Targeting, Profiling und Entscheidungen über die betroffene Person herangezogen werden, unabhängig davon, ob sie ursprünglich absichtlich mitgeteilt wurden. Das deckt sich mit einer Umfrage, wonach sich 43 Prozent der Deutschen Sorgen um die Datensicherheit bei KI-Anbietern machen, wie t3n unter Berufung auf eigene Recherchen berichtete.

Was mit den Daten bei OpenAI und Anthropic passiert

Der Kontext, in dem AI Paper Trail auf Interesse stößt, ist kein Zufall. Wie kabel-salat.info berichtete, testet OpenAI derzeit Werbeeinblendungen für kostenlose ChatGPT-Nutzer, teils auf Basis von Chatinhalten. Auch die macOS-Funktion „Computer History“, die Klicks und Tastatureingaben protokolliert, zeigt einen Trend hin zu immer umfassenderer Aktivitätserfassung durch KI-Assistenten. Nach Angaben von Proton bleiben gelöschte Chats bei den großen Anbietern zudem bis zu 30 Tage auf den Servern gespeichert, bevor sie endgültig entfernt werden, und ein Teil der Unterhaltungen fließt je nach Konto-Einstellungen ins Modelltraining ein.

Für Nutzer, denen das zu weit geht, bleibt neben angepassten Datenschutz-Einstellungen in ChatGPT und Claude auch der Umstieg auf lokal betriebene Modelle eine Option. kabel-salat.info hat dazu bereits vorgestellt, wie sich mit Werkzeugen wie Ollama Sprachmodelle direkt auf dem eigenen Rechner betreiben lassen, ohne dass sensible Gespräche einen fremden Server erreichen, allerdings mit den bekannten Grenzen bei Modellgröße und Rechenleistung gegenüber den großen Cloud-Anbietern.

Einordnung

AI Paper Trail liefert keine neue technische Erkenntnis, das Prinzip, dass Sprachmodelle aus beiläufigen Angaben Persönlichkeitsprofile ableiten können, ist unter Sicherheitsforschern seit Längerem bekannt. Der eigentliche Wert des Tools liegt darin, diese abstrakte Gefahr an den eigenen, echten Chatverläufen greifbar zu machen, statt sie als theoretisches Datenschutzproblem abzutun. Wer den eigenen Score einmal gesehen hat, dürfte künftig genauer abwägen, welche Details in einem Chatfenster wirklich nötig sind, gerade weil die Hemmschwelle bei einem Textfeld erfahrungsgemäß niedriger liegt als bei einem Formular, das offen nach Gesundheits- oder Finanzdaten fragt.

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