Pixel Watch schätzt Insulinresistenz: Was Googles Health Guardian kann

Eine Smartwatch am Handgelenk mit Gesundheitsanzeige auf dem Display
Photo by Luke Chesser on Unsplash

Google hat in der vergangenen Woche begonnen, auf Pixel Watches eine Funktion freizuschalten, die es nach Googles Angaben in dieser Form noch nicht gab: Die Uhr schätzt aus Puls- und Bewegungsdaten, ob sich eine Insulinresistenz anbahnt, die häufigste Vorstufe von Typ-2-Diabetes. Dazu kommen Blutdrucktrends ohne Manschette und eine Auswertung der Atmung im Schlaf. Die ersten Monatsberichte erscheinen Anfang Oktober. Möglich macht das ein KI-Modell, das auf Daten von Millionen Trägern vortrainiert wurde. Was es leistet, lässt sich erstaunlich genau sagen, denn Google hat die zugrunde liegende Studie in Nature veröffentlicht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Health-Guardian-Funktionen für Insulinresistenz, Blutdruck und Schlafatmung sind auf der Pixel Watch 3, 4 und 5 kostenlos; die Fitbit Air bekommt Insulin- und Blutdrucktrends später in diesem Jahr nur im Abo Google Health Premium.
  • Die Uhr misst weder Blutzucker noch Blutdruck. Sie wertet Puls und Bewegung über Wochen aus und liefert am Monatsersten einen Trendbericht.
  • In Googles Nature-Studie mit 1165 Teilnehmern erkannte das Modell aus Uhrdaten und Basisangaben wie Alter und Gewicht 60 Prozent der Menschen mit Insulinresistenz; mit Blutwerten waren es 76 Prozent.
  • Die Atemnotfall-Erkennung für Pixel Watch 4 und 5 ist CE-gekennzeichnet und startet in ausgewählten europäischen Ländern, laut heise auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Google stuft alle Trendfunktionen als Wellness-Angebot ein, ausdrücklich nicht als Früherkennung von Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe.

Was die Uhr misst und was sie nur schätzt

Health Guardian ist ein neuer Bereich der Google Health App, der früheren Fitbit-App. Google hatte die Funktionen am 12. August angekündigt, seit dem 24. September lassen sie sich einrichten. Das Paket besteht aus vier Teilen: Tendenzen zur Insulinresistenz, Blutdrucktrends, Messwerte zur Atmungsqualität im Schlaf und eine Erkennung von Atemnotfällen.

Entscheidend ist das Wort Trend. Eine Insulinresistenz liegt vor, wenn Muskeln, Leber und Fettgewebe schlechter auf Insulin ansprechen und der Körper immer mehr davon ausschütten muss, um den Blutzucker zu halten. Normalerweise stellt das ein Arzt über Blutwerte fest. Die Pixel Watch nimmt kein Blut ab. Sie wertet Puls- und Bewegungsdaten über mehrere Wochen aus und leitet daraus eine Einschätzung ab. Nötig sind Daten an mindestens sieben Tagen im Monat. Für den Blutdruck gilt Ähnliches: Laut Google beobachtet die Uhr über den Monat Puls- und Bewegungsmuster; dafür muss sie an mindestens fünf aufeinanderfolgenden Tagen einer Woche getragen werden. Einen Blutdruckwert in mmHg gibt es nicht, nur die Richtung.

Hinter beiden Funktionen stehen sogenannte Foundation Models, große KI-Modelle, die zunächst allgemein lernen und dann für eine Aufgabe verfeinert werden. Google gibt an, das Modell für die Insulinschätzung sei mit mehr als einer Billion Minuten Daten von fünf Millionen Nutzern vortrainiert worden, die der Verwendung zugestimmt hatten. Für den Blutdruck nutzt Google ein Modell namens WavesFM, trainiert auf Milliarden Minuten roher Herz- und Bewegungsdaten. Genauigkeitswerte für die Blutdruckfunktion nennt Google in seiner Ankündigung nicht, sondern verweist auf eigene Validierungsstudien.

Was die Nature-Studie über die Treffsicherheit sagt

Für die Insulinresistenz ist die Datenlage besser. Im März erschien in Nature die Studie WEAR-ME von Google-Forschern unter Beteiligung der Universität Cambridge. 1165 Erwachsene in den USA stellten Daten ihrer Wearables zur Verfügung und ließen Blut untersuchen. Als Referenz diente der HOMA-IR-Wert, ein Index aus Nüchternzucker und Nüchterninsulin; ab 2,9 galt jemand als insulinresistent.

Das Modell mit Uhrdaten, Blutfetten und Stoffwechselwerten erreichte eine Sensitivität von 76 und eine Spezifität von 84 Prozent. Für die Pixel Watch zählt aber die Variante ohne Blut: nur Uhrdaten plus demografische Angaben. Sie kam auf 60 Prozent Sensitivität und 80 Prozent Spezifität. Übersetzt heißt das: Von 100 Menschen mit Insulinresistenz erkennt das Modell 60 und übersieht 40. Von 100 Menschen ohne Insulinresistenz stuft es 20 fälschlich als auffällig ein. Nahm man den Nüchternblutzucker hinzu, stieg die Sensitivität auf 73 Prozent. Das Analyseunternehmen Sahha weist zudem darauf hin, dass die Funktion in der App auf einer neueren Modellversion beruht als die Studie und Google für diese Fassung bislang keine eigenen Genauigkeitsdaten veröffentlicht hat.

Die Studie selbst nennt eine weitere Grenze: Der HOMA-IR-Wert ist nicht der Goldstandard. Den liefert erst eine aufwendige Klinikuntersuchung, bei der Insulin und Glukose über Stunden per Infusion gesteuert werden. Die Uhr schätzt also einen Näherungswert eines Näherungswerts.

Wofür sich das trotzdem lohnt

Diese Zahlen machen die Funktion nicht wertlos, sie bestimmen, wofür sie taugt. Als Diagnose wären 60 Prozent Trefferquote zu wenig. Als kostenloser Hinweis, der ohne jeden Aufwand jeden Monat mitläuft, ist die Funktion etwas Neues. Insulinresistenz verursacht lange keine Beschwerden, und kaum jemand lässt ohne Anlass seinen Nüchterninsulinwert bestimmen. Wer von der Uhr wiederholt einen auffälligen Trend gemeldet bekommt, hat einen konkreten Anlass für ein Blutbild beim Hausarzt. Dort entscheidet dann der Laborwert, nicht die Uhr. Nutzer sollten eine unauffällige Meldung allerdings nicht als Entwarnung lesen, das zeigen die 40 übersehenen Fälle.

Praktisch heißt das: Wer eine Pixel Watch 3, 4 oder 5 besitzt, aktualisiert die Google Health App und richtet die Funktionen im Bereich Health Guardian ein. Die Uhr sollte dann möglichst auch nachts getragen werden, damit die Mindestzahl an Tagen zusammenkommt. Die Erklärungen des KI-Assistenten Google Health Coach zu den Ergebnissen setzen dagegen das Premium-Abo voraus, das laut ComputerBase 8,99 Euro im Monat oder 99,99 Euro im Jahr kostet. Nicht gedacht sind die Funktionen für Schwangere; für Menschen mit bekanntem Diabetes ersetzen sie keine Blutzuckermessung.

Beim Blutdruck geht Google einen anderen Weg als Samsung. Die Galaxy Watch 9 zeigt Blutdruckwerte, muss dafür aber alle vier Wochen mit einer Armmanschette kalibriert werden, wie unser Review der Samsung-Uhr beschreibt. Google verzichtet auf Kalibrierung und damit auch auf Messwerte, dafür läuft die Auswertung ohne Zutun im Hintergrund. Wer eine neue Uhr sucht, findet die Pixel Watch 5 in unserer Kaufberatung.

Der Notfallalarm mit CE-Kennzeichnung

Rechtlich anders eingeordnet ist die Atemnotfall-Erkennung. Sie überwacht die Sauerstoffsättigung und schlägt Alarm, wenn diese anhaltend oder kritisch fällt, etwa bei einer Überdosis, beim Ersticken oder bei schwerer Lungenentzündung. Reagiert der Träger nicht, ruft die Uhr den Notruf und benachrichtigt Notfallkontakte. Die Funktion ist CE-gekennzeichnet, läuft nur auf der Pixel Watch 4 und 5 und nach Angaben von heise zum Start in Europa, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz. Eine Einschränkung nennt Google selbst: Nach 30 Minuten Schlaf arbeitet die Erkennung nicht mehr, und Faktoren wie Tätowierungen können Fehlalarme auslösen. Eine vollständige Länderliste für die Trendfunktionen nennt Google nicht; die Verfügbarkeit variiere nach Region und Gerät, heißt es im deutschen Firmenblog, der die Funktionen ohne Einschränkung für Deutschland ankündigt.

Fazit: ein Frühwarnsystem mit offen gelegten Grenzen

Health Guardian zeigt, wohin sich Wearables entwickeln: weg vom Schrittzähler, hin zu Modellen, die aus unscheinbaren Signalen auf den Stoffwechsel schließen. Ungewöhnlich ist, dass Google die Leistungsgrenzen seines Ansatzes in einer der renommiertesten Fachzeitschriften offengelegt hat. Das erlaubt eine nüchterne Einordnung: Die Uhr ersetzt keinen Bluttest, aber sie kann Menschen zu einem Bluttest bringen, die sonst keinen Anlass gesehen hätten. Die eigentliche Probe steht noch aus. Erst wenn Google Daten zur Treffsicherheit der ausgelieferten Modellversion vorlegt, lässt sich sagen, ob die Monatsberichte ab Oktober mehr sind als ein gut gemeinter Hinweis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen