Nvidia steigt bei Doctolib ein: Was das für Patienten und Praxen bedeutet

Smartphone mit geöffnetem Terminkalender in einer Arztpraxis
Photo by National Cancer Institute on Unsplash

Nvidia wird Miteigentümer von Doctolib. Der Chipkonzern hat sich mit einem Minderheitsanteil an der französischen Plattform beteiligt, über die in Deutschland nach Unternehmensangaben rund 20 Millionen Patientinnen und Patienten Arzttermine buchen. Das Geld ist dabei weniger interessant als der Zweck: Doctolib will eigene KI-Modelle für die Medizin bauen und dafür nicht auf OpenAI oder Anthropic angewiesen sein. Für Patienten und Praxen stellt sich damit die Frage, was sich ändert und was mit ihren Daten geschieht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nvidia-Chef Jensen Huang gab am 13. Oktober in Paris Minderheitsbeteiligungen an vier französischen Firmen bekannt: Doctolib, Pigment, Genesis AI und Entalpic. Beträge und Anteile nannte niemand.
  • Nvidia erhält laut Doctolib-Chef Stanislas Niox-Chateau keinen Sitz im Verwaltungsrat. Doctolib verspricht sich vor allem Expertise und Unterstützung beim Training eigener Modelle.
  • Das Kapital soll unter anderem einen persönlichen Gesundheitsassistenten für Patienten beschleunigen, den in Frankreich derzeit 400.000 Menschen testen.
  • Laut Doctolib bleiben alle Gesundheitsdaten und auch die KI-Modelle auf Servern in der EU und Großbritannien.
  • Ob Gesundheitsdaten deutscher Nutzer ins KI-Training fließen, lässt sich im Doctolib-Konto unter „Meine Präferenzen“ steuern.

Was Nvidia kauft und warum

Huang verkündete die Beteiligungen bei einem Empfang an der Place Vendôme, an dem auch der französische Wirtschaftsminister Roland Lescure teilnahm. Neben Doctolib steigt Nvidia bei der Finanzplanungssoftware Pigment, dem Robotik-Start-up Genesis AI und dem Materialforscher Entalpic ein, der mit KI neue Werkstoffe etwa für Halbleiter entwickelt. Paris war die erste Station einer Europareise, die Huang auch nach London und Berlin führt, wo Nvidia nächste Woche seine Entwicklerkonferenz GTC abhält. Huang kündigte an, innerhalb einer Woche weitere europäische Investitionen über zwei Milliarden Dollar bekanntzugeben, zusätzlich zu den acht Milliarden, die er nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr in Europa investiert hat.

Wie viel Nvidia für den Doctolib-Anteil zahlt, ist offen. Le Figaro spricht laut dem französischen Fachportal Next von einigen Millionen Euro. Gemessen an der letzten bekannten Bewertung von Doctolib, rund 3,6 Milliarden Euro, wäre das ein kleiner Anteil. Das passt zu Nvidias Muster: Der Konzern beteiligt sich gern an Firmen, die seine Technik nutzen, und knüpft damit Kunden enger an sich. Kritiker sprechen von Kreislauffinanzierung, weil das Geld am Ende teilweise wieder in Nvidia-Chips fließt. Huang weist das zurück, die Beteiligungen seien im Vergleich zum Geschäft klein.

Für Doctolib geht es um mehr als Kapital. Das Unternehmen nutzt nach eigenen Angaben seit rund einem Jahr Nvidia-Technik, um eigene Modelle zu entwickeln, und will Zugang zu Nvidias KI-Fachleuten, die das rund hundertköpfige KI-Team aus Wissenschaftlern, Ingenieuren und Designern unterstützen sollen. „Diese Investition wird es uns ermöglichen, schneller KI-Talente zu gewinnen und unsere Entwicklung voranzutreiben“, sagte Niox-Chateau laut dpa. Gegenüber AFP sprach er von einer souveränen KI auf Basis eigener Modelle und Daten, die nicht von Anbietern wie OpenAI oder Anthropic abhängt.

Was Doctolib mit KI vorhat

In Deutschland kennen die meisten Doctolib als Terminkalender. Hinter den Kulissen ist daraus längst ein Softwareanbieter für Praxen geworden. Zum Angebot gehören ein KI-Telefonassistent, der Anrufe zur Terminvergabe annimmt, und Werkzeuge für Verwaltung und Abrechnung. In Frankreich hat ein Sprechstunden-Assistent, der das Arztgespräch per Spracherkennung mitschreibt und daraus einen Dokumentationsentwurf macht, laut Next bereits mehr als zwölf Millionen Konsultationen dokumentiert. Ähnliche Pläne gibt es für Deutschland: Die KI soll aus dem Gespräch einen Entwurf mit Besuchsgrund, Befund und Therapie erstellen, den der Arzt prüft und übernimmt.

Für Patienten ist vor allem der persönliche Gesundheitsassistent gedacht. Er wird derzeit in Frankreich von 400.000 Nutzern getestet und soll dort 2027 allen zur Verfügung stehen. Die Nvidia-Investition soll diese Entwicklung laut Niox-Chateau deutlich beschleunigen. Für Deutschland hat Doctolib personalisierte Funktionen angekündigt, mit denen Nutzer Arztbesuche einsehen, Erinnerungen für Rezepte erhalten und ihre Krankengeschichte digital verfolgen können sollen. Wann und in welchem Umfang die Patientenfunktionen nach Deutschland kommen, hat das Unternehmen nicht gesagt.

Was mit den Daten passiert

Bei einem US-Investor in einer Gesundheitsplattform liegt die Datenfrage nahe. Doctolib betont, alle Gesundheitsdaten lägen auf Servern in der EU und Großbritannien und blieben dort, das gelte auch für die KI-Modelle. Nvidia liefert nach Darstellung von Doctolib Chips, Rechenleistung und offene Software. Ein Minderheitsanteil ohne Sitz im Verwaltungsrat gibt dem Konzern zudem kaum direkten Einfluss auf das Geschäft.

Unabhängig von Nvidia trainiert Doctolib seine Modelle aber auch mit Nutzerdaten. In Frankreich verwendet das Unternehmen laut Next seit dem Sommer Daten für die eigene KI-Forschung, Nutzer können dem widersprechen. In Deutschland gelten seit Februar 2025 neue Datenschutzhinweise. Danach stützt Doctolib die Nutzung von Angaben wie Geschlecht und Geburtsjahr auf ein berechtigtes Interesse, für Gesundheitsdaten braucht es dagegen eine Einwilligung. Wer nachsehen oder sie zurückziehen will, findet die Einstellung im Konto unter „Meine Präferenzen“. Das lohnt sich vor allem, weil Datenschützer darauf hinweisen, dass auch pseudonymisierte Gesundheitsdaten unter Umständen wieder Personen zugeordnet werden können.

Einordnung

Die Beteiligung ist finanziell klein, strategisch aber aufschlussreich. Nvidia verkauft nicht mehr nur Chips, sondern baut sich ein Netz europäischer Anwendungsfirmen auf, nach dem angekündigten Kauf von Hugging Face nun auch in der Medizin. Doctolib wiederum setzt auf einen Weg, der für sensible Branchen zunehmend attraktiv wird: eigene, spezialisierte Modelle auf europäischen Servern statt Abhängigkeit von den großen amerikanischen Sprachmodellen. Für Praxen kann das weniger Schreibarbeit bedeuten, für Patienten einen Assistenten, der die eigene Krankengeschichte kennt. Gerade deshalb hängt der Erfolg weniger an Nvidias Rechenleistung als daran, ob Doctolib das Vertrauen in den Umgang mit Gesundheitsdaten hält, das durch frühere Datenschutzaffären gelitten hat.

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