
Microsoft präsentiert sein KI-Geschäft gerne als Beleg dafür, dass sich die milliardenschweren Investitionen der vergangenen Jahre auszahlen. Eine Bloomberg-Analyse zeichnet nun ein deutlich engeres Bild: Rund 70 Prozent des gesamten KI-Umsatzes im Geschäftsjahr bis Juni 2026 stammen von einem einzigen Kunden, OpenAI, an dem Microsoft selbst milliardenschwer beteiligt ist und dessen Rechenkosten es über die eigene Cloud abrechnet.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI generierte im Geschäftsjahr bis Juni 2026 rund 24,1 Milliarden Dollar Umsatz für Microsoft, laut Bloomberg-Schätzung etwa 70 Prozent von Microsofts gesamtem KI-Geschäft.
- Gemessen am Konzernumsatz von 331,8 Milliarden Dollar macht OpenAI nur gut 7 Prozent aus; die Konzentration zeigt sich erst im KI-Segment.
- Ein erheblicher Teil der Summe sind OpenAIs eigene Rechenkosten bei Azure, die Microsoft im Gegenzug als eigenen Umsatz verbucht.
- Microsoft investiert zwar in Alternativen wie Anthropic und bietet über 11.000 fremde Modelle an, weist intern aber zugleich an, GitHub Copilot standardmäßig auf OpenAIs GPT-5.6 Sol zu stellen.
- Kritiker wie der Analyst Ed Zitron warnen, ein erheblicher Teil der über 260 Milliarden Dollar Investitionen seit 2022 sei im Kern als Wachstum verkleidete OpenAI-Rechenkosten.
Wie die 70-Prozent-Zahl zustande kommt
Die Zahl ist eine Schätzung, kein Geschäftsbericht-Wert. Bloomberg legte Microsofts im März gemeldete KI-Wachstumsrate von 123 Prozent zugrunde und kam damit auf ein KI-Jahresgeschäft von rund 34 Milliarden Dollar. Setzt man die von OpenAI generierten 24,1 Milliarden Dollar dagegen, ergibt sich der Anteil von etwa 70 Prozent. Zum Vergleich: Am Gesamtumsatz des Konzerns von 331,8 Milliarden Dollar hätte OpenAI nur einen Anteil von rund 7 Prozent, ein Wert, der auf den ersten Blick unauffällig wirkt und die Konzentration im margenstarken KI-Segment verschleiert. Als weiterer Beleg für die enge finanzielle Verflechtung gilt, dass OpenAI zum 30. Juni 2026 offene Forderungen in Höhe von 6 Milliarden Dollar gegenüber Microsoft auswies.
Wieso ein Teil des Geldes eigentlich zurückfließt
Entscheidend für das Verständnis der Zahl ist die Vertragskonstruktion zwischen beiden Unternehmen: OpenAI zahlt Microsoft für Cloud-Rechenleistung, für die Kosten des Modelltrainings und tritt zusätzlich einen Umsatzanteil ab. Ein Teil der 24,1 Milliarden Dollar ist damit letztlich OpenAIs eigenes Geld, das über Azure-Rechnungen als Microsoft-Umsatz auftaucht, ein Mechanismus, der strukturell an die Finanzierungskonstruktion erinnert, mit der Google die Chip-Versorgung von Anthropic absichert: Auch dort verwischt die Grenze zwischen Investition, Kundengeschäft und Risikoauslagerung. Verstärkt wird die Abhängigkeit durch interne Entscheidungen. Jay Parikh, der bei Microsoft die CoreAI-Entwicklung leitet, wies Mitarbeitende an, in GitHub Copilot standardmäßig auf OpenAIs Flaggschiffmodell GPT-5.6 Sol zu setzen. Seine Begründung war explizit finanziell: Die Verlagerung von Workloads zu OpenAI-Modellen bringe „mehr Wert aus unserer Token-Investition“.
Diversifizierung auf dem Papier
Nach außen betont Microsoft, die Abhängigkeit aktiv zu reduzieren. Der Konzern bietet Cloud-Kunden inzwischen mehr als 11.000 alternative Modelle an, GitHub Copilot unterstützt neben OpenAI auch Anthropic, Google, Moonshot und xAI, und Microsoft ist selbst mit 5 Milliarden Dollar bei Anthropic eingestiegen. CEO Satya Nadella positioniert sich zudem öffentlich als Fürsprecher offener Modellgewichte und warnte davor, dass wenige KI-Labore zu viel Branchenwert an sich binden könnten. Er kritisierte dabei ausdrücklich, dass Labore wie OpenAI und Anthropic sich gegen Distillation, also das Trainieren eigener, ressourcenschonenderer Modelle auf Basis fremder Ausgaben, sperren, eine bemerkenswerte Aussage für ein Unternehmen, das selbst für aggressive Lock-in-Strategien bekannt ist. Auch Microsofts eigene Investitionen in Anthropics wachsende Unabhängigkeit bei eigener Rechenhardware zeigen, wie sehr sich die gesamte Branche derzeit gegen Abhängigkeiten von einzelnen Partnern abzusichern versucht. Trotz all dieser Bemühungen bleibt der OpenAI-Anteil am KI-Umsatz bei rund 70 Prozent.
Zwei Lesarten eines Umsatzberges
An der Wall Street gehen die Einschätzungen auseinander. KeyBanc-Analyst Jackson Ader wertet die Umsätze aus dem Servicegeschäft mit OpenAI positiv, weil sie über reine Infrastrukturbereitstellung hinausgingen und echtes Wachstum widerspiegelten. Der Branchenkritiker Ed Zitron zeichnet ein deutlich düsteres Bild: Ein erheblicher Teil der über 260 Milliarden Dollar an Investitionsausgaben, die Microsoft seit 2022 in KI gesteckt habe, sei im Kern nichts anderes als OpenAIs eigene Rechenkosten, lediglich als Wachstum verkleidet. Sollte OpenAI finanziell ins Straucheln geraten, wäre Microsoft von dieser Entwicklung überproportional betroffen.
Beide Lesarten schließen sich nicht zwingend aus. Richtig ist, dass Microsoft an einem der am schnellsten wachsenden KI-Geschäfte überhaupt beteiligt ist. Ebenso richtig ist aber, dass diese Beteiligung fast vollständig an einem einzigen, selbst mitfinanzierten Partner hängt, dessen wirtschaftliche Tragfähigkeit sich noch nicht unabhängig belegen lässt. Für Anleger und Kunden, die Microsofts KI-Zahlen als Gradmesser für den breiteren Markt lesen, lohnt sich deshalb ein zweiter Blick darauf, wie viel davon tatsächlich neues Geschäft ist und wie viel lediglich zwischen zwei eng verflochtenen Bilanzen hin- und herwandert.
