
Ein verschlüsselter Lagebericht an Napoleons General Marmont galt als einer der ungelösten Klassiker der historischen Kryptografie. Jetzt liegt er im Klartext vor: Der Entwickler Carter Church hat ihn mithilfe von OpenAIs GPT-6 Astra aus einem einzigen eingescannten Zeitschriftenfoto rekonstruiert. Der Fall steht nicht allein. Auf der wichtigsten Sammelliste ungelöster Chiffren treffen inzwischen so viele Lösungen ein, dass ihr Betreuer mit dem Eintragen kaum hinterherkommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Brief an General Marmont stammt aus dem März 1809 und war bisher nur als Abbildung in einer französischen Militärzeitschrift von 1969 bekannt, mit falschem Datum.
- GPT-6 Astra transkribierte die 1.300 Geheimzeichen des Scans, ordnete 155 verschiedene Symbole zu und brach die Verschlüsselung in rund sechs Stunden Rechenzeit.
- Der Klartext deckt sich mit einem gedruckten Befehl Napoleons vom 16. März 1809 und schließt eine Lücke in dessen Briefedition.
- Die Sammlung Cryptiana führt den Brief inzwischen als gelöst; dort stehen weitere Lösungen mit Claude Opus 5.5, Claude Fable 5.1 und ChatGPT.
- Lösung, Schlüssel und Prüfskripte sind öffentlich, sodass Fachleute das Ergebnis nachrechnen können.
Ein Brief, den niemand lesen konnte
Im Frühjahr 1809 stand Österreich kurz davor, das mit Napoleon verbündete Bayern anzugreifen. Auguste de Marmont kommandierte damals rund 13.000 Mann in Dalmatien, auf der anderen Seite der Adria und abgeschnitten von allen übrigen französischen Armeen. Am 16. März 1809 wies Napoleon seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, Vizekönig von Italien, an, Marmont die Lage aller französischen und verbündeten Truppen mitzuteilen: in einem chiffrierten Brief, überbracht von einem verlässlichen Offizier.
Ein solcher Brief ist erhalten. Seine erste Zeile ist offenes Französisch, danach folgen 24 Zeilen aus zweistelligen Zahlen, einzelnen Buchstaben und erfundenen Zeichen. Der Schlüssel ging verloren. Bekannt war das Dokument nur über eine Bildtafel in einem Aufsatz von J. Vilcoq, der 1969 in der Revue historique des Armées erschien und den Brief auf 1807 datierte. Die jüngsten dokumentierten Lösungsnotizen hielten fest, es gebe schlicht nichts, woran man arbeiten könne, weil der Geheimtext nirgends greifbar sei.
Dabei ist die Zeitschrift digitalisiert und frei über das französische Wissenschaftsarchiv Persée abrufbar. Der französische Kryptologiehistoriker Daniel Tant hatte zudem bereits 33 Buchstabenwerte des Codes veröffentlicht. Diese beiden öffentlich verfügbaren Dateien waren Churchs Ausgangspunkt.
Wie das Modell vorging
Die Chiffre ist homophon: Häufige Buchstaben haben mehrere austauschbare Zeichen, damit man sie nicht einfach über ihre Häufigkeit erkennt. Der Brief umfasst 1.300 Einheiten mit 155 verschiedenen Zeichen. Tants bekannte Werte erschlossen etwa ein Drittel davon, die übrigen zwei Drittel mussten aus dem Brief selbst gewonnen werden.
Bemerkenswert ist, dass Transkription und Kryptoanalyse in einem Arbeitsgang liefen. Laut Churchs Dokumentation zerlegte GPT-6 Astra die nur 1.202 mal 1.836 Pixel große Tafel in Zeilen, las die handgezeichneten Zeichen und entschied, welche der zunächst 175 unterschiedenen Formen tatsächlich dasselbe Zeichen waren. Erst dann begann die eigentliche Entschlüsselung, und zwar mit einem klassischen Verfahren namens Simulated Annealing: Ein Suchprogramm probiert schrittweise Zuordnungen aus und bewertet jeden Kandidaten danach, wie sehr der entstehende Text statistisch nach Französisch aussieht. Als Vergleich dienten Buchstabenfolgen aus Texten von Victor Hugo, Alexandre Dumas und Marmonts eigenen Memoiren.
Zeichen, die sonst gutes Französisch immer wieder zerstörten, wurden probeweise als ganze Wörter behandelt. So stellte sich heraus, dass knapp 30 Zeichen für Wörter wie „de“, „que“, „vous“ oder „général“ stehen. Jeder vorgeschlagene Wert wurde gegen alle Stellen geprüft, an denen das Zeichen auf der Tafel vorkommt. Zur Kontrolle ließ Church den Löser noch einmal von vorn rechnen, diesmal ohne Marmonts Memoiren und ohne napoleonische Texte im Sprachmodell. Das Ergebnis war dieselbe Lesart. Der Schlüssel hängt also nicht davon ab, dass das System die Geschichte schon kannte, die es entziffern sollte.
Insgesamt rechnete GPT-6 Astra etwa sechs Stunden, dazu kamen nach Churchs Angabe einige Abende eigener Arbeit. Church sagt selbst, er habe vorher noch nie eine Chiffre gebrochen.
Was im Brief steht
Der Klartext ist ein Lagebericht. Der Herzog von Danzig, Marschall Lefebvre, halte mit 40.000 Bayern München und Passau. Davout stehe mit 80.000 Franzosen in Bayreuth, Masséna mit 60.000 Mann bei Ulm und Donauwörth, Oudinot mit einem 40.000 Mann starken Elitekorps in Augsburg und am Lech. Poniatowski bedrohe mit 30.000 Polen Krakau. Die sieben genannten Streitkräfte stimmen in Reihenfolge und Zahlen mit Napoleons gedrucktem Befehl vom 16. März überein, was die Lesart stark stützt.
Der Brief enthält aber auch, was in Napoleons Befehl fehlt: die Stellungen der Österreicher in Laibach, Villach und Salzburg, die sich mit deren tatsächlichem Aufmarsch Anfang April decken. Und er füllt eine Lücke. In der gedruckten Korrespondenz Napoleons von 1865 bricht der Satz, Marmont solle sich nicht von einer Handvoll von irgendetwas aufhalten lassen, mit einer Reihe von Punkten ab. Im entschlüsselten Brief steht an dieser Stelle „quelques troupes ou un rassemblement de canailles“, also „einige Truppen oder ein Haufen Gesindel“. Church betont, dass der Brief Napoleons Befehl nur sinngemäß weitergibt und dessen genauen Wortlaut nicht beweist. Ein Detail zeigt zudem, wie Propaganda funktionierte: Der Satz, die Russen marschierten gegen Österreich, entsprach Napoleons Anweisung vom 21. März, genau diese Botschaft zu verbreiten. Tatsächlich überschritt die russische Armee die Grenze erst Anfang Juni.
Eine Welle neuer Lösungen
Satoshi Tomokiyo, der auf seiner Website Cryptiana seit Jahrzehnten ungelöste historische Chiffren dokumentiert, hat Churchs Lösung geprüft und führt den Brief inzwischen als gelöst, mit korrigiertem Datum 1809. Auf seiner Seite steht seit September der Hinweis, dass er derzeit viele Lösungen erhalte und mit dem Eintragen nicht nachkomme. Die Liste der jüngsten Einträge zeigt, warum: Am 1. und 2. Oktober verzeichnete Tomokiyo zwei Lösungen, die mit Claude Opus 5.5 entstanden, darunter eine Chiffre aus dem Umfeld Maria Stuarts. Ende August war mit Claude Fable 5.1 eine Geheimschrift des schottischen Autors Thomas Urquhart aus den Jahren 1652 und 1653 gelöst worden, Anfang Oktober mit ChatGPT ein spanischer Chiffrenbrief Kaiser Karls V. von 1521.
Auch der Anstoß für Churchs Versuch kam aus dieser Welle. Der New Yorker Entwickler Carter Leffen hatte GPT-6 Astra im September auf einen ungelösten Enigma-Funkspruch vom 10. Juli 1941 angesetzt. Das Modell arbeitete rund zehn Stunden, baute einen Enigma-Simulator und nutzte als Ansatzpunkt den Ortsnamen Rosenow, der in einer bereits entschlüsselten Nachricht vom selben Tag zweimal vorkam. Heraus kam die Bitte eines Soldaten um Angabe des Marschweges. Eine unabhängige Prüfung durch Fachleute stand nach Bericht von The Decoder noch aus.
Was das für Forschung und Neugierige bedeutet
Churchs eigentliche Pointe ist keine technische. Kein Material sei verborgen gewesen, schreibt er: Tants Tabelle war öffentlich, Napoleons Briefe sind seit den 1860er-Jahren gedruckt, Marmonts Memoiren frei verfügbar. Ein geduldiger Spezialist hätte das schon 1970 lösen können, hätte dafür aber Wochen mit dem Französisch der Zeit, 1.300 handgezeichneten Zeichen und der Statistik verbringen müssen, für eine einzige Bildtafel. Solche Arbeit unterblieb, weil sie sich niemand leisten konnte, der sie beherrschte.
Genau diese Rechnung ändert sich gerade. Wer Neugier, etwas Durchhaltevermögen und Zugang zu einem starken Modell mitbringt, kann heute Probleme angehen, die bisher an der schieren Arbeitsmenge scheiterten. Entscheidend ist dabei, wie Church gearbeitet hat: mit offengelegter Transkription, veröffentlichtem Schlüssel und einem Skript, das die Lesart reproduziert. Er benennt außerdem fünf Zeichen, deren Bedeutung offen bleibt, ohne dass sie den Sinn des Briefes verändern würden. Das macht das Ergebnis überprüfbar, und das bleibt die Messlatte. Eine KI-Lösung ist eine Hypothese, bis Fachleute sie nachgerechnet haben. Für Archive, Historiker und Hobby-Kryptologen könnte das trotzdem der Beginn einer produktiven Phase sein: Viele Listen mit „ungelösten“ Fällen dürften bald deutlich kürzer werden.

