
Ein Rechenzentrum für 500 Milliarden Dollar, dazu Finanzierungszusagen von Nvidia über bis zu 600 Milliarden Dollar: Die Dimensionen des jüngsten KI-Infrastrukturprojekts in Ohio sprengen selbst für die Branche gewohnte Maßstäbe. Laut einem Bericht des Wall Street Journal verhandelt Nvidia über eine Bürgschaft, die OpenAI erst den Zugang zu einem gigantischen, von Softbank geplanten Rechenzentrumskomplex verschaffen soll. An der Börse sorgte die Meldung für Nervosität, denn sie rückt eine Frage wieder in den Vordergrund, die den KI-Boom seit Monaten begleitet: Wie viel des aktuellen Wachstums beruht auf echter Nachfrage, und wie viel auf Geld, das zwischen denselben wenigen Unternehmen im Kreis wandert?
Das Wichtigste in Kürze
- Nvidia verhandelt laut Wall Street Journal über eine rund 250 Milliarden Dollar schwere Finanzgarantie für OpenAI, um den Zugang zu Softbanks Rechenzentrum in Ohio zu ermöglichen.
- Der Gesamtkomplex ist auf bis zu zehn Gigawatt Kapazität ausgelegt und könnte inklusive verbauter KI-Chips mehr als 500 Milliarden Dollar kosten.
- Zusätzlich soll Nvidia ein Chip-Finanzierungspaket über bis zu 350 Milliarden Dollar mit OpenAI verhandeln, macht in Summe bis zu 600 Milliarden Dollar Transaktionsvolumen.
- Kritiker sprechen von „zirkulären Finanzierungsstrukturen“: Nvidia sichert Kredite ab, OpenAI kauft davon Nvidia-Chips, Nvidia verbucht daraus Umsatz.
- Nach Bekanntwerden fiel die Nvidia-Aktie um rund fünf Prozent, Apple übernahm zwischenzeitlich wieder den Platz als wertvollstes Unternehmen der Welt.
Die Eckdaten: Ohio wird zum größten KI-Campus der Welt
Softbank plant im US-Bundesstaat Ohio ein Rechenzentrum mit einer Kapazität von bis zu zehn Gigawatt, ein Wert, der laut mehreren Berichten das größte je angekündigte Rechenzentrumsprojekt markieren würde. Allein die Baukosten werden auf über 500 Milliarden Dollar geschätzt, ein erheblicher Teil davon entfällt auf die verbauten KI-Chips. Die USA und Japan haben die Stromversorgung des Standorts im Rahmen eines Handelsabkommens abgesichert, für das Japan zusätzlich 33 Milliarden Dollar beisteuert. OpenAI gilt als größter interessierter Mieter der Anlage. Damit der Deal zustande kommt, braucht Softbank-Gründer Masayoshi Son allerdings günstigere Kreditkonditionen, als er sie derzeit allein am Markt bekäme.
Warum ausgerechnet Nvidia bürgt
Hier kommt Nvidia ins Spiel. OpenAI ist trotz Milliardenbewertung weiterhin nicht profitabel und verfügt über kein Investment-Grade-Rating, also keine Bonitätsnote, die Banken üblicherweise für derart große Kredite verlangen. Eine Garantie von Nvidia, dessen Bilanz durch den KI-Boom prall gefüllt ist, würde Softbank erlauben, sich am Kapitalmarkt zu deutlich besseren Konditionen zu verschulden. Laut Berichten von heise online und dem Fachmagazin t3n verhandeln beide Seiten parallel über ein zweites, noch größeres Paket: eine Chip-Finanzierung im Umfang von bis zu 350 Milliarden Dollar, mit der OpenAI die für den Betrieb nötige Hardware bei Nvidia kaufen könnte. Beide Deals zusammen kämen auf ein Volumen von bis zu 600 Milliarden Dollar, eine der größten Einzeltransaktionen der jüngeren Tech-Geschichte, obwohl beide Unternehmen offiziell noch keine Details bestätigt haben.
Das zirkuläre Muster: Wer bezahlt eigentlich wen?
Genau diese Konstruktion nährt die Kritik. Nvidia sichert die Finanzierung ab, mit der OpenAI wiederum Nvidia-Chips kauft, und Nvidia verbucht diesen Verkauf als eigenen Umsatz. Solange derselbe Geldbetrag zwischen Chiphersteller und KI-Labor hin- und herwandert, sieht die Nachfrage nach außen robuster aus, als sie tatsächlich ist. Beobachter der Nvidia-Sicherheitsinitiative und anderer jüngster Branchen-Allianzen kennen das Muster bereits: Auch bei Rechenzentrumsbetreibern wie CoreWeave und Nebius laufen ähnliche Kreislaufgeschäfte, laut Marktanalysen summieren sich solche Verflechtungen in der Branche 2026 auf mehrere Hundert Milliarden Dollar. Das Risiko liegt nicht in einem einzelnen Deal, sondern in der Summe: Fällt die reale Auslastung der gebauten Rechenzentren hinter die Erwartungen zurück, trifft der Rückschlag alle beteiligten Unternehmen gleichzeitig, weil ihre Bilanzen über dieselben zirkulären Zahlungsströme verbunden sind.
Warnungen vor der Blase werden lauter
Die Marktreaktion auf die ersten Berichte war entsprechend deutlich: Die Nvidia-Aktie verlor rund fünf Prozent an einem Tag, Apple rückte an der Börse zwischenzeitlich wieder auf den Spitzenplatz als wertvollstes Unternehmen der Welt vor. Investoren ziehen zunehmend Parallelen zur Dotcom-Blase der frühen 2000er-Jahre, als ebenfalls gegenseitige Finanzierungsdeals zwischen Telekommunikations- und Internetfirmen künstliche Nachfrage erzeugten, bevor der Markt einbrach. Der als „Big Short“-Investor bekannte Michael Burry gehört zu den prominentesten Warnern vor einem ähnlichen Szenario im aktuellen KI-Boom. Verteidiger der Deals halten dagegen, dass die zugrunde liegende Rechenleistung real gebraucht wird und die Garantien lediglich helfen, Kapitalkosten zu senken, die sonst das gesamte Wachstumstempo der Branche bremsen würden.
Fazit
Ob aus den Verhandlungen tatsächlich ein unterschriebener Vertrag wird, ist offen: Weder Nvidia noch OpenAI haben die berichteten Zahlen offiziell bestätigt. Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall aber, wie eng die Finanzierung des KI-Booms inzwischen an wenige Unternehmen gekoppelt ist, die sich gegenseitig Kredite, Chips und Umsätze zuschieben. Für Anleger und Beobachter lohnt sich deshalb ein zweiter Blick hinter die beeindruckenden Milliardensummen: Wer wem eigentlich wie viel schuldet, lässt sich bei zirkulären Deals dieser Größenordnung immer schwerer beantworten, gerade wenn, wie bei Chinas Chip-Offensive gegen US-Sanktionen sichtbar wird, gleichzeitig geopolitische Spannungen um genau diese Hardware zunehmen.

