
OpenAI hat für die ChatGPT-App auf dem Mac eine neue Funktion namens „Computer History“ eingeführt, die Klicks, Tastatureingaben und App-Wechsel in eine durchsuchbare Timeline verwandelt. Sie ersetzt die im April vorgestellte, screenshot-basierte Testfunktion Chronicle und soll ChatGPT und Codex ein besseres Gedächtnis für den Arbeitsalltag geben. Wer die Funktion einschaltet, bekommt echten Komfort, muss dafür aber einer Datenschutzpraxis zustimmen, die selbst OpenAI offen als Schwachstelle einräumt.
Das Wichtigste in Kürze
- Computer History löst die screenshot-basierte Funktion Chronicle ab und erfasst stattdessen Interaktionsereignisse über die macOS-Bedienungshilfen.
- Protokolliert werden Klicks, Tastatureingaben, Tastenkombinationen und App-Wechsel, aber keine Screenshots, kein Mikrofon und kein System-Audio.
- Die lokal gespeicherten Ereignis- und Memory-Dateien sind laut OpenAIs eigener Dokumentation nicht verschlüsselt, andere Programme im selben Mac-Nutzerkonto könnten theoretisch darauf zugreifen.
- Ob Daten fürs Training genutzt werden, hängt von den persönlichen ChatGPT-Datenkontrollen ab, ein Automatismus ist es nicht.
- Verfügbar zunächst für Pro-, Business- und Enterprise-Nutzer, ausgeschlossen sind Nutzer im Europäischen Wirtschaftsraum, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich.
Vom Screenshot zum Ereignis-Strom
Chronicle, im April 2026 als Experiment gestartet, arbeitete mit periodischen Bildschirmfotos, um ChatGPT Kontext über die aktuelle Tätigkeit zu geben, technisch simpel, aber datenschutzrechtlich heikel, weil jeder Screenshot potenziell alles zeigt, was gerade auf dem Bildschirm steht. Computer History geht einen anderen Weg: Über die Bedienungshilfen-Schnittstelle von macOS liest die App strukturierte Interaktionsereignisse aus erlaubten Apps und Websites aus, wandelt sie periodisch in Textzusammenfassungen um und legt daraus lokale Memory-Dateien an, sortiert nach Tag und Uhrzeit. Wer bei einer Aufgabe unterbrochen wurde, kann ChatGPT später einfach fragen, woran er zuletzt gearbeitet hat, statt den Kontext manuell neu zu erklären. OpenAI betont, dass weder Bildschirminhalte noch Ton aufgezeichnet werden, nur strukturierte Ereignisdaten.
Die unverschlüsselte Schwachstelle
Genau an dieser Stelle wird es technisch heikel. OpenAIs eigene Dokumentation schreibt unmissverständlich, dass die Ereignis- und Memory-Dateien „nicht verschlüsselt“ sind und andere Programme, die unter demselben macOS-Nutzerkonto laufen, theoretisch darauf zugreifen könnten. Temporäre Ereignisdateien bleiben bis zu 48 Stunden erhalten, die daraus generierten Memory-Dateien so lange, bis sie manuell gelöscht werden. Zwar liegen sie in einer isolierten App-Gruppe und nicht offen im Dateisystem, doch für ein Feature, das im Kern ein durchsuchbares Protokoll des eigenen Arbeitsalltags ist, ist der Verzicht auf Verschlüsselung eine bewusste Entscheidung mit Risiko. OpenAI selbst warnt zusätzlich vor einem höheren Prompt-Injection-Risiko: Bösartige Inhalte in überwachten Apps oder Websites könnten die protokollierten Ereignisse manipulieren. Ob die gesammelten Daten anschließend auch zur Modellverbesserung verwendet werden, ist keine pauschale Ja-oder-Nein-Frage: Es hängt laut OpenAI von den individuellen Datenkontrollen im ChatGPT-Konto ab, wer diese nicht angepasst hat, sollte also genau nachsehen, was voreingestellt ist.
Immerhin bietet OpenAI feingranulare Kontrolle über das, was überhaupt protokolliert wird. Nutzer legen einzeln fest, welche Apps und Websites einbezogen oder ausdrücklich ausgeschlossen werden, können die Aufzeichnung jederzeit pausieren und fortsetzen und den gesamten bisherigen Verlauf löschen. Bei Business- und Enterprise-Konten müssen zusätzlich Administratoren die Funktion für ihre Organisation freischalten, bevor einzelne Mitarbeitende sie überhaupt aktivieren können, ein zweistufiges Opt-in also, das die Einführung bewusst entschleunigt. Ganz ausgeschaltet ist Computer History für niemanden automatisch dabei: Wer nichts tut, bekommt auch nichts protokolliert.
Warum Deutschland vorerst außen vor bleibt
Bemerkenswert ist die geografische Beschränkung: Nutzer im Europäischen Wirtschaftsraum, in der Schweiz und im Vereinigten Königreich bekommen Computer History beim aktuellen Rollout gar nicht erst angeboten. Das folgt einem inzwischen vertrauten Muster US-amerikanischer KI-Anbieter, neue, datenintensive Funktionen zuerst dort zu starten, wo die regulatorischen Anforderungen am niedrigsten sind, und den europäischen Markt erst nachzuziehen, wenn Datenschutz-Folgenabschätzungen und Anpassungen an DSGVO-Vorgaben abgeschlossen sind. Für deutsche Leser ist das zugleich Vorteil und Vorgeschmack: Wer die Funktion testen will, muss vorerst auf ein internationales Konto ausweichen, wird aber aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit vor derselben Abwägung stehen wie schon jetzt die US-Nutzer.
Fazit: Komfort gegen Kontrollverlust
Computer History zeigt exemplarisch, wohin sich KI-Assistenten entwickeln: weg vom reinen Chat-Fenster, hin zu Systemen, die den ganzen digitalen Alltag im Blick behalten, um weniger Kontext erneut erklären zu müssen. Der Komfortgewinn ist real, gerade für Nutzer, die ChatGPT und Codex durchgängig für Arbeitsabläufe einsetzen. Der Preis dafür ist ein detailliertes, lokal gespeichertes Verhaltensprotokoll, das nach OpenAIs eigener Einschätzung nicht ausreichend gegen andere Software auf demselben Rechner abgesichert ist. Wer die Funktion aktiviert, sollte sich bewusst sein, dass Bequemlichkeit hier direkt gegen Kontrolle über die eigenen Daten eingetauscht wird, und die Voreinstellungen in den Datenkontrollen einmal genau durchsehen, bevor er loslegt.
