Anthropic verhandelt mit Samsung über einen eigenen KI-Chip

Nahaufnahme eines Mikrochips auf einer Leiterplatte
Photo by Chris Ried on Unsplash

Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude, spricht offenbar mit Samsung Electronics über die Entwicklung eines eigenen, maßgeschneiderten KI-Chips. Das berichtete zuerst der Fachdienst The Information, mehrere internationale Medien bestätigten die Gespräche inzwischen unabhängig. Für die Branche ist die Meldung ein weiteres Signal, dass sich die großen KI-Anbieter zunehmend von Nvidias Standardhardware lösen wollen – aus Kostengründen und um nicht von einem einzigen Zulieferer abhängig zu sein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anthropic verhandelt laut The Information mit Samsung über einen kundenspezifischen KI-Chip, der auf Samsungs 2-Nanometer-Fertigungsprozess und moderner Gehäusetechnik (Packaging) basieren soll.
  • Die Gespräche sind laut übereinstimmenden Berichten früh: Weder Einsatzzweck noch Leistungsdaten des Chips stehen fest, ein Rückzug von dem Projekt ist ausdrücklich möglich.
  • Anthropic betont offiziell weiter einen „diversifizierten Hardware-Stack“ aus Chips von Google, Amazon und Nvidia als Kern seiner Compute-Strategie.
  • Der Vorstoß folgt rund eine Woche, nachdem Konkurrent OpenAI seinen mit Broadcom entwickelten Inferenz-Chip „Jalapeño“ vorgestellt hatte.
  • Für Samsungs Auftragsfertigung (Foundry), die bislang nur rund 4 Prozent Weltmarktanteil gegenüber TSMCs 38 Prozent hält, wäre Anthropic ein prestigeträchtiger neuer Kunde.

Warum plötzlich jeder KI-Anbieter einen eigenen Chip will

Bislang laufen die meisten großen Sprachmodelle auf Grafikchips (GPUs) von Nvidia, die ursprünglich für Computerspiele entwickelt wurden, sich aber auch hervorragend für die parallelen Rechenoperationen des maschinellen Lernens eignen. Das Problem: Nvidia diktiert Preise und Liefermengen, und die Chips sind für viele Einsatzzwecke im Rechenzentrum überdimensioniert. Eigens entwickelte Chips – in der Fachsprache ASICs, „Application-Specific Integrated Circuits“ – lassen sich dagegen exakt auf die Anforderungen eines bestimmten KI-Modells zuschneiden. Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern lassen sich dadurch 10 bis 30 Prozent der Kosten für Inferenz einsparen, also für das tatsächliche Ausführen eines bereits trainierten Modells im Livebetrieb. Bei einem Geschäftsmodell, das wie zuletzt bei OpenAIs Preissenkungen bei ChatGPT ohnehin stark über den Preis pro Antwort konkurriert, kann diese Marge über Gewinn oder anhaltende Verluste entscheiden.

Google und Amazon haben mit ihren TPU- und Trainium-Chips bereits seit Jahren eigene Hardware im Einsatz. Anthropic selbst nutzt beide Systeme im großen Stil: Erst im April 2026 vereinbarte das Unternehmen mit Amazon eine Kapazität von bis zu 5 Gigawatt Trainium-Rechenleistung und mit Google die Nutzung von bis zu einer Million TPU-Chips, jeweils verbunden mit Investitionen in Milliardenhöhe. Ein eigener, dritter Chip-Typ würde diese Strategie der Risikostreuung nur konsequent fortsetzen – und zeigt zugleich, wie sehr sich die gesamte Branche inzwischen von reiner Nvidia-Hardware entfernt, ein Trend, den Nvidia selbst mit eigenen Software- und Plattform-Angeboten zu kontern versucht.

Samsung braucht den Deal dringender als Anthropic

Für Samsung Electronics wäre ein Auftrag von Anthropic mehr als nur ein weiterer Kunde. Die Foundry-Sparte des Konzerns, die Chips im Auftrag anderer Firmen fertigt, kämpft seit Jahren darum, zum Marktführer TSMC aufzuschließen. Laut Marktdaten von Counterpoint Research kam Samsung im ersten Quartal 2026 auf einen globalen Marktanteil von etwa 4 Prozent im fortgeschrittenen Foundry-Segment, TSMC dagegen auf rund 38 Prozent. Samsungs Foundry-Chef Han Jin-man hat öffentlich in Aussicht gestellt, dass die Sparte bis 2028 wieder profitabel arbeiten soll. Ein Auftrag von einem der derzeit prominentesten KI-Unternehmen der Welt für den neuen 2-Nanometer-Prozess wäre dafür ein wichtiger Vertrauensbeweis gegenüber anderen potenziellen Kunden. Bemerkenswert ist zudem die finanzielle Nähe: Samsung gehörte gemeinsam mit den Speicherherstellern SK Hynix und Micron zu den Investoren, die sich an Anthropics rund 65 Milliarden Dollar schwerer Finanzierungsrunde im Mai 2026 beteiligt haben.

Ausblick: Noch keine Entscheidung, aber ein klares Signal

Offen bleibt vorerst, ob aus den Gesprächen überhaupt ein fertiger Chip wird. Anthropic hat nach übereinstimmenden Berichten weder festgelegt, wofür der Chip konkret eingesetzt werden soll, noch wie leistungsfähig er sein müsste – und könnte das Vorhaben jederzeit wieder aufgeben. Schon im April 2026 hatte Reuters berichtet, dass Anthropic angesichts knapper Chipkapazitäten über eine eigene Chipentwicklung nachdenkt, ganz konkret wurde es damals aber nicht. Unabhängig vom Ausgang zeigt der Vorstoß aber, wohin sich die Branche bewegt: Wer im KI-Geschäft dauerhaft mithalten will, versucht zunehmend, sich aus der Abhängigkeit von einem einzelnen Zulieferer zu lösen. Für Nutzerinnen und Nutzer von Diensten wie Claude oder ChatGPT dürfte das mittelfristig vor allem eines bedeuten: sinkende Kosten pro Anfrage – vorausgesetzt, der Wettbewerb der Anbieter untereinander bleibt so intensiv wie bisher.

Auch für Samsung als südkoreanischen Technologiekonzern hätte ein solcher Auftrag Strahlkraft weit über das eigentliche Chip-Geschäft hinaus. Ein derart prominenter Kunde würde helfen, Kapital und Vertrauen für den Ausbau der ohnehin kapitalintensiven Foundry-Sparte zu mobilisieren, gerade weil Speicherpartner wie SK Hynix und Micron über die jüngste Anthropic-Finanzierungsrunde bereits eng verflochten sind. Für die kommenden Monate lohnt sich daher ein Blick darauf, ob aus den Gesprächen ein offizieller Vertrag wird – und ob sich weitere KI-Anbieter dem Muster von OpenAI, Google, Amazon und nun möglicherweise auch Anthropic anschließen und eigene Chip-Partnerschaften öffentlich machen.

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